Ich soll Dich lieben

Ich soll dich lieben.

Alle meinen sie, ich müsste dich lieben.

Ich lieb dich aber nicht.

Warum sollte ich? Ich kenne dich ja gar nicht.

Du bist nichts als ein Zellhaufen. Hast dich bei mir eingenistet, ungebeten, so wie Onkel Abder, als seine Frau sich mit den Kindern verpisst hat. Ist einfach eingezogen, weil es bei uns warm und gemütlich war, immer was zu essen auf dem Tisch stand. Keiner wollte den, aber man kann den eigenen Bruder doch nicht vor die Tür setzen, was sollen die Leute denken? Also ist er geblieben.

Und du ganz genauso. Hast es dir bei mir gemütlich gemacht. Ein Zellhaufen, aus dem Nichts aufgetaucht, und jetzt willst du leben. Nur weil Hakan, dieser Penner, zu blöd war, um seinen Knickschwanz rechtzeitig rauszuziehen. Ey, macht misch voll geil die Gefahr, verstehstu? Klar, versteh ich das. Gefahr. Ist geil! Besonders, wenn andere hinterher den Dreck ausbaden.

Den interessiert das einen Scheiß, was jetzt wird, aus mir, oder aus dir. Von dem verlangt das auch keiner. Der muss dich nicht lieben. Der darf weiter breitbeinig über die Straßen stiefeln, den Kiezking mimen.

Aber bei mir und bei dir, da haben sie alle eine Meinung. Da kennen sie sich aus.

Die Nachbarin mit ihrer Rentnerkutsche, zum Beispiel. Geht so krumm, dass sie mit der Nase fast auf dem Boden schleift. Trotzdem will sie die noch überall reinstecken. Wahrscheinlich hat sie sich so an den Dreck gewöhnt in ihrem Leben mit der Nase auf dem Boden, dass sie nicht mehr davon lassen kann. - Entschuldigen Sie die Neugier, aber ich habe neulich schon zu Frau Ebert gesagt, wissen Sie, die mit mir mittwochs zum Seniorenkreis geht, hat auch ihren Mann im Krieg verloren, wie ich, also Emmi, sach ich, das junge Fräulein von nebenan, das wird so ein bisschen plump, die wird doch nicht? Also doch? Da gratuliere ich ganz herzlich. Und Ihr Freund, kenne ich den jungen Mann denn? Heiraten Sie? Heute ist das ja nicht mehr zwingend, aber na ja...

Und dann diese Betroffenheitsmutti vom Amt. - Das müssen Sie sich wirklich sehr gut überlegen mit der Adoption, Sie bauen doch eine Verbindung zu dem Kind auf, jetzt in der Schwangerschaft, unterschätzen Sie das nicht. Manche abgebende Mutter erholt sich nie davon. Zündet bei jedem Geburtstag Kerzen an, trauert.

Kerzen anzünden, Schwachsinn. So 'ne Häkelmutti wie diese Alte vielleicht. Weißt du, was deren Problem ist? Die hat noch nie richtig gefickt, die war noch nie geil, hat noch nicht einmal aus vollem Hals geschrien. Seh' ich sofort, an diesem leblosen Blick. Wie meine Mutter. Von der lass ich mir gar nichts erzählen.

- Und das Kind, denken Sie an das Kind. Das entwickelt doch auch eine Beziehung zu Ihnen, jetzt, in der Schwangerschaft. Hört Ihren Herzschlag, Ihre Stimme, Ihre Darmbewegungen. Und Sie, Sie spüren es doch auch. Die Beinchen, die kleinen, energischen Tritte in ihrem Bauch, das vergessen Sie nicht.

Blödes Gelaber. Meine Mutter wollte mich auch nicht. Das ist es, was sie nie vergessen hat. Nie vergessen zu erwähnen, vor allem. - Ich wollte doch kein Kind mehr, und schon gar kein Mädchen. Die machen einem nur Schande.

Ja, Mutter, da hast du sie, deine Schande. Von meinen strampelnden Beinchen hat die nie was erzählt. Null Checkung hat sie, diese frustrierte Häkelmutti. Ich kann gar nicht so viel kotzen wie mich dieses blöde Gelaber ekelt.

Ich kann mir das so richtig vorstellen, wie das gelaufen ist, bei dieser Frustnulpe. Hat ihren Alten wahrscheinlich an ihrer Fachschule kennengelernt, beim Händchenhalten und Jammern im Stuhlkreis, beim Betroffensein über das Leid im Lande. Seh den Typen förmlich vor mir, so einer mit langen Haaren und Bart, einer, der erstmal zwei Jahre in eine Vätergruppe musste, nachdem der Sohn zur Welt kam. Am Ende hat er sich doch verpisst. Wen wundert' s, bei der würde ich auch keinen hochkriegen. Jetzt muss der Junge herhalten als Ersatz für den Mann im Haus. Merk' ich doch sofort, so wie sie von dem erzählt. Und für alle anderen Männer hat sie nur noch Hass und Abscheu übrig.

-Nein, der Kindsvater wird Ihnen wohl nicht helfen. Die gehen einfach, die Männer, lassen alles hinter sich, daran ändert sich nichts. Na ja, die hatten auch nicht die Schwangerschaft. Die haben einfach keine Bindung zu dem Kind.

Mann schieb sie dir doch in den Arsch, deine Schwangerschaft. Dann braucht sich das Balg auf nichts anderes mehr zu konzentrieren als auf deine Darmgeräusche. Das ist es doch, was dich glücklich macht.

- Aber Sie, Sie könnten das. Sie haben einen Beruf, eine Wohnung, sind strukturiert. Die anderen Frauen, die zu uns kommen, die sind in echten Notlagen. Drogen, Alkohol, leben auf der Straße. Manche können sich noch nicht einmal etwas zu essen machen. Aber Sie, wollen Sie wirklich ihr Kind abgeben? Dieses Trauma, verlassen worden zu sein, DAS wird das Kind nie verlassen.

Diese Mutterkreuz-Faschofotze. Ja genau ich habe einen Beruf, bald hab ich meinen Gesellenbrief. Und den lass ich mir nicht nehmen, bloß weil Hakans Birne noch weicher ist als sein Schwanz.

Ich werd' doch nie was in der Werkstatt, wenn ich jetzt auf Mutterglück mache. Das fängt jetzt schon an mit den Problemen. Kommt gestern Dirk zu mir, der ist ein bisschen älter, hält sich deswegen gleich für den Garagenking oder sowas. Mensch, Maryam, säuselt er mir zu mit seinem blöden Grinsen, du passt gar nicht mehr richtig unters Auto, mit deiner Schwangerschaftsplautze. Willst du nicht lieber kleine rosa Schühchen stricken? Und die anderen haben sich gegenseitig überboten mit ihrem Blöken. Ist so das Garagenritual, wenn der Leithammel sich zu Wort gemeldet hat, kann noch so bekloppt sein, was er erzählt.

Im neunten Monat hab' ich immer noch 'ne knackigere Figur als du, Alter, habe ich dem gesagt. Und meine Titten bleiben auch kleiner als deine. Leider!

Fettes Schwein. Bei mir hat natürlich keiner gelacht.

Mein Chef, der nichts anderes im Kopf hat als Autos und Motoren, der hatte auf einmal auch 'ne Meinung dazu. - Schaffen Sie denn dann die Prüfung noch, also vor ihrer Niederkunft? Geht das überhaupt?

Warum soll das nicht gehen?

-Da werden sie wohl dann erstmal aufhören, danach?

Ich habe das Problem jetzt gelöst, hab' ich ihm gesagt. Und ich will übernommen werden, weil ich gut bin. Sie waren doch immer zufrieden mit mir?

Ja, ja, natürlich, aber was haben Sie denn bloß vor. Machen Sie sich nicht unglücklich. Sie werden doch nicht…

Der hat echt gedacht, ich spül dich im Klo runter. So Kanacken-Dramamäßig, schwangere Libanesin fühlt sich von der Familie verfolgt und weiß nicht, was sie tun soll. Idiot!

Also hab ich ihm das mit der Adoption verklickert, ganz entsetzt war er.

Aber das können Sie doch nicht. Das bereuen Sie hinterher noch, die Muttergefühle...

Alle kennen sie sich da aus. Alle. Sogar der Gehrkes, der gar nicht weiß, was Gefühle sind.

Ich hab mich entschieden. Du kommst in 'ne Altbauwohnung zu so 'ner wuchtigen Braut im Cordrock und zu ihrem schmalschultrigen Lover mit Bart und Siebziger-Brille. Die sind dann immer wahnsinnig verständnisvoll. „Laura, hörst du bitte auf, mit dem Fleischmesser die teure Lederjacke durchzuschneiden? Die Mama mag das nicht.“

Ich sehe euch schon hintereinander auf dem Fahrrad über den Bürgersteig fahren, beide mit Helm natürlich. Wie Mutterente und Küken.

Mann, wird die dich nerven, die Alte. Aber wenigstens will die dich.

Und ich, ich mache hier weiter. Und wen ich liebe und wen nicht, das entscheide ich.