Wilhelm/ Ecke Leipziger

„Morgen“, sagte Olschowski. Ohne den Blick von der Fußleiste aufzurichten, ging er in sein Büro.

So wie immer, wenn man ihm im Gang begegnete.

„Morgen“, murmelte Walter, als Olschowski schon lägst die Tür hinter sich zugezogen hatte.

Er konnte es einfach nicht glauben. Auch die Petri vom Empfang hatte gegrüßt, als wenn nichts wäre. Nicht mit der Wimper gezuckt hatte die.

Walter ging in sein Büro, setzte sich an den Schreibtisch. Das schlechte Gewissen war schon da. Damit war es wie mit den Parolen gestern, kein Kraut war dagegen gewachsen, Fenster und Türen verschließen zwecklos. Das schlechte Gewissen kam immer herein. Es setzte sich auf den Besucherstuhl, unaufgefordert, sah Walter bei der Arbeit zu. Schweigend, den ganzen Tag. Er tupfte sich den Schweiß ab, nervöser Schweiß, Arbeiterschweiß war es ja nicht mehr. Sein Taschentuch war blütenweiß, innerlich hörte er die ehemaligen Kollegen vom Bau. Fein gearbeitet, womöglich am Rand bestickt, von der Frau Mama? Röhrendes Lachen, demnächst parfümierst du dich noch.

Er hatte sie einfach hinter sich gelassen, die Kollegen mitsamt ihrer schweißtreibenden Arbeit, die Schwielen an seinen Händen sah man kaum noch. Auch wenn er sie vor Ernst versteckte, das Spotten war nicht zu überhören, deine zarte Aristokratenhand. Darf man die überhaupt noch drücken?

Und dann diese Normerhöhung, zehn Prozent, mit einem Streich. Einfach so. Freiwillige Normerhöhung, so hieß es offiziell. Das konnte man jetzt in der Straße beobachten, wie freiwillig das war.

Wie sollte man da noch über die Runden kommen, so wie die Preise stiegen? Sein Problem war das nicht mehr, er saß hier schön im Warmen.

Und deswegen kam jeden Tag das schlechte Gewissen herein, sah ihm bei der Schreibtischarbeit zu.

Das sollte nun Sozialismus sein?

Vielleicht war es gerade das. Vielleicht sollte es gar kein Sozialismus mehr sein. Seit Stalins Tod schien darüber niemand mehr so richtig Bescheid zu wissen. In der Partei waren sie wie erstarrt. Die hohen Genossen hatten sie nach Moskau beordert, und jetzt sollte auf einmal alles falsch gewesen sein.

Alles, was Walter bis dahin täglich gegen den Zorn der Familie hatte verteidigen müssen.

Dass Onkel Heinrich keine Essensmarken mehr bekam, weil er Kaufmann war. Ein Ausbeuter, der nur in der Logik des kapitalistischen Systems einen Platz hatte, hinweg zu fegen, das war die Erklärung der Partei, die Walter immer und immer wieder beim Abendbrot vorgetragen hatte.

Ein Ausbeuter, Onkel Heinrich, spinnst du, hatten sie geschimpft. Und wer soll deiner Meinung nach die Bevölkerung versorgen, du Esel? Dass es für Onkel Heinrich einen besseren Platz im Sozialismus geben sollte, das hatten sie ihm sowieso nicht geglaubt.

Dass Christinchen, die hübsche, blonde Tochter von Marta, Mutters Freundin, nicht mehr zur Oberschule durfte, weil sie Mitglied bei den Jungen Christen war.

Das ist jetzt also Sünde bei euch, hatte Mutter gesagt. Die Kartoffeln hatte sie mit so viel Schwung auf seinen Teller gehauen, dass sie in kleine Stücke zerfallen waren, wie ein britisches Geschoss. Intellijent und fleißig ist sie, Christinchen, aus der wird mal was werden, das haben sie in der Schule zu Marta gesagt. Ein Jammer ist es, haben sie gesagt. Eine zweite Kelle Kartoffeln, die auf dem Teller zerschellten, dann Mutters schärfte Waffe, eisiges Schweigen. Den ganzen Abend.

Und dass man so schnell ins Gefängnis kam.

Ach, und das ist jetzt auf einmal nicht mehr richtig, für siebzehn Eier siebzehn Jahre sitzen, hatte Ernst gestichelt.

Dass die Bauern alle in die Produktionsgenossenschaft gezwungen worden waren, auch das hatten sie zurück genommen.

Überspitzungen, so nannte man das jetzt.

 

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