Wilhelm/ Ecke Leipziger

Aufbau des Sozialismus, Opfer notwendig, was hatte er nicht alles vorgebracht. Alle Register aus den Abendkursen in der Kreisparteischule hatte er gezogen. Und jetzt? Alles falsch. Wie sollte er das erklären?

Die erklärten es ihm jedenfalls nicht. Vor allem nicht, warum sie alles zurückgenommen hatten, alles, nur die Normen nicht. Wie stellten die sich das vor, wie sollte er das Ernst und den Jungs begreiflich machen?

Den Kapitalisten macht ihr Geschenke, und die Arbeiter lasst ihr im Stich.

Walter konnte das niemandem verständlich machen, auch nicht sich selbst. Wie auch?

Eigentlich konnte man es sich nur so erklären: Es sollte kein Sozialismus mehr sein- Alles ein Irrtum. Schließlich hatten sie den Aufbau des Sozialismus auf einmal aus allen Parolen gestrichen, hektisch Plakate entfernt.

Walter stütze die Ellenbogen auf den Schreibtisch, vergrub seinen Kopf in den Händen. Neun Uhr früh und er war schon erschöpft. Ihm gegenüber hatte das schlechte Gewissen es sich gemütlich gemacht. Auch die Parolen kamen schon wieder zum Fenster hinein.

Ulbricht, Pieck und Grotewohl …

Ernst hatte sich um halb sieben zum Straußberger Platz aufgemacht. Der Rest der Stadt, wie es schien, auch. Überall waren Menschenzüge und kleine Grüppchen unterwegs gewesen, auf zur Stadtmitte, an den Straßenkreuzungen wurde heftig diskutiert. Die Frauen lehnten sich aus den Fenstern heraus, winkten den Marschierenden mit Bettlaken und Taschentüchern Mut zu und Sympathie.

Du siehst ja, womit ich zurückkomme, wenn ich einholen gehe, hatte Walters Mutter gesagt. Recht haben die. So kann es nicht weiter gehen.

So war es wohl, die hatten Recht. Das Volk litt. Opfer beim Aufbau des Sozialismus, sicher, das war nicht zu vermeiden. Aber erst dieser stramme Kurs, und jetzt ist plötzlich alles anders? Wer sollte daraus schlau werden? Wem sollte er das noch erklären? Die machten ihre Kehrtwende und er musste das ausbaden. Man sah ja, dass das nicht funktionierte. Die Normerhöhung hatten sie nun plötzlich doch zurückgenommen, aber vom Streiken hatte das niemanden mehr abhalten können.

Ulbricht, Pieck und Grotewohl, dass euch drei...

Vielleicht würde die wirklich der Teufel holen, vielleicht stürzten die die Regierung jetzt, vielleicht gab es bald keinen Sozialismus mehr. Und er war wieder angeschmiert. Wie nach dem Krieg. Erst glühende Verehrung für den Führer, entzündet bei HJ-Liederabenden mit den Klängen der Ziehharmonika von Oberrottenführer Grabowski, am Lagerfeuer angefacht, geschürt auf den sommerlichen Zeltlagern in der Schorfheide. Und dann war auf einmal alles Lug und Trug gewesen. Lug und Trug und Verbrechen, unaussprechliche Verbrechen. Sein Vater in Russland verschollen, das Land in Schutt und Asche gelegt, sie alle, die Jungs, verheizt für einen sinnlosen, mörderischen Krieg.

Am Ende brannten nur noch die Häuser der Stadt. Mehr war von dem Feuer nicht übrig geblieben, von der glühenden Liebe zum Führer.

Und wenn der Sozialismus am Ende auch? Aber Sozialismus, das war doch Gerechtigkeit, das war Frieden. Nie wieder Krieg. Das war etwas ganz anderes als Faschismus, das war der richtige Weg. Nur warum lief denn dann alles so verkehrt? Ja sicher, man musste sich das erkämpfen. Man musste Opfer bringen, ohne Fleiß kein Preis. Aber warum hatten die sich so getäuscht, mit ihrem alten Kurs, nein dem neuen, ach was, ganz rammdösig konnte man davon werden.

Diese ewigen Änderungen.

Was hieß das jetzt? Was bedeutete das für ihn? Für ihn, Walter Körner, den ehemaligen Bauarbeiter, jetzt Aufbauer des Sozialismus im Rat des Stadtbezirks.

Walter ging zum Fenster, sah hinaus. Menschen auf der Straße, wohin das Augen reichte. Gleich unter Walter Fenster der Anführer des Zugs, der in Richtung Ministerium marschierte, ein mächtiger Kerl, Zimmermann musste der sein, mit Axt in der Hand, die schwang er bedrohlich. Ein bisschen dahinter Frauen, die hatte sich untergehakt, das machte Mut, half, wenn man die Volkspolizisten daran hindern musste, sie zu zerstreuen, sie, die unzufriedenen Berliner, die jetzt eine marschierende Menge bildeten. Ein Junge schob sein Fahrrad nebenher.

Sollte er nach unten laufen, sich anschließen?

Vorsichtshalber nahm Walter das Parteiabzeichen ab, legte es in die Schublade, oberstes Fach.

Es klopfte an der Tür, Walter schob die Schublade mit einem Ruck zu. Da stand Olschowski schon vor seinem Schreibtisch.

„Das wird nichts“, brummte er, schlecht gelaunt. Legte Walter eine Akte auf den Tisch.

Walter war unfähig, sich zu bewegen..

„Da draußen“, sagte Olschowski, er wies aus dem Fenster, „das wird nichts. Brauchst keine Sorge zu haben, Genosse. Das lassen die Russen nicht zu. Die bereiten dem Spuk bald ein Ende.“

Walter sah unsicher aus dem Fenster.

„Faschistenpack“, sagte Olschowski. „Hörst du das?“

Walter versuchte zu hören.

Die H.O. macht uns k.o.

Reiht euch ein … wollen freie Menschen sein...hat doch keinen Zweck, der Spitzbart, der muss weg.

„Das Deutschlandlied“, behauptete Olschowski. „Erste Strophe. Jetzt fehlt nur noch Horst Wessel.“

Walter strengte seine Ohren an, so sehr er konnte. Ja, vielleicht, ganz weit hinten, dünn und schief... über alles in der Welt. Nein, nicht wahr, da war nichts. Jedenfalls nicht das Lied. Da war nur die Erinnerung, der Geist der HJ-Liederabende, der in Walters Kopf eingedrungen war, so wie die Losungen der Straße in sein Büro. Dass Olschowski das auch hörte, wer wollte ihm das verdenken, bei der Vergangenheit? KPD-Mitglied seit den Zwanzigern. Das reinste Wunder, dass der die Nazi-Zeit überlebt hatte.

„Alles Nazis, ich sage dir das“, sagte Olschowski. „Da hilft keine Umerziehung der Welt. Einen Kopf kürzer, das ist die einzige Lösung. Aber die kommen nicht durch. Die Russen machen dem bald ein Ende. Keine Bange.“

Olschowski sah starr auf Walters Brust.

 

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