Wilhelm/ Ecke Leipziger

„Körner, was ist bloß los mit dir? Ein paar Leute singen Faschistenlieder in den Straßen und du nimmst gleich das Parteiabzeichen ab. Hast dich wohl nicht getraut, heute früh?“

Olschowski ballte die Faust. „Zusammenhalten müssen wir, gerade jetzt. Nun guck mich nicht so erschrocken an. Hast noch nie was Richtiges erlebt, ich weiß. Als ich in Buchenwald war, da haben sie mit dir Kinderlandverschickung gemacht. Da draußen, das ist gar nichts. Glaub es mir.“

Olschowski zuckte mit den Schultern, dann verließ er das Büro. Er zog das Bein nach. Geschenk von der Gestapo. Das hatte er Walter an seinem ersten Tag im Büro zugeworfen, als sie einander im Gang begegnet waren. Statt formeller Vorstellung, Olschowskis Namen hatte Walter später von Kollegen erfahren.

Walter trat wieder ans Fenster. Draußen hatten sich die Reihen der Demonstranten ein wenig gelichtet. Man lief immer noch in Richtung Wilhelmstraße. Hinten an der Kreuzung diskutierte eine Gruppe von Männern und Frauen. Rufe hallten nur noch aus der Ferne in Walters Büro.

Berliner reiht euch ein...

Das Gespräch an der Kreuzung war lebhaft, anregend, das konnte man sehen, auch aus der Ferne. Es machte glücklich, sie zu beobachten. Walter hätte gerne mitgeredet, beratschlagt, was jetzt geschehen musste. Was machte er noch hier oben?

Olschowski war verletzt, verbittert, durch seine Erfahrungen im KZ. Verständlich. Aber das da unten, das waren keine Faschisten. Das war kein Putschversuch. Walter war sich sicher

Auf einmal, ganz plötzlich fiel der Groschen.

Was da draußen geschah, das war keine Konterrevolution, das war Sozialismus, und zwar in Reinform, die Fortsetzung der Revolution, die nächste Stufe. Warum hatte er das nicht gesehen? Deswegen wendeten sich die Arbeiter gegen sich selbst, ihre volkseigenen Betriebe, ihre Volkspolizei, ihre Regierung. Sozialismus war eben nicht das Ergebnis, es war der Weg in eine bessere Welt, und davon hatten sie erst ein winziges Stück zurückgelegt. Ich bin, ich war, ich werde sein, so wie Rosa Luxemburg es ausgedrückt hatte, das Ziel war noch lange nicht erreicht, die Revolution musste weitergehen. Das hatten sie gerade erst in der Parteischule besprochen, natürlich nicht in Bezug auf das, was hier vor sich ging, heute. Aber es war doch darauf anwendbar, entsprach dem, ganz klar. Wie hatte er das nicht sehen können?

Das war es, was da unten vor sich ging, die Fortsetzung der Revolution, ohne die es nicht weitergehen konnte auf dem Weg in eine bessere Welt. Walter hätte sich beinahe auf die Stirn geschlagen, so sehr ärgerte er sich. Dass er das erst jetzt sah!

Der Sozialismus war noch lange nicht am Ziel, und das erklärte die Unzufriedenheit in der Bevölkerung, zu Hause, bei Mutter, bei Ernst und den Kollegen, obwohl sie doch Arbeiter waren, das erklärte, warum die Parteioberen nichts mehr erklären konnten. Sie hatten einiges erreicht, sicher, aber irgendwann hatten sie sich im Weg geirrt, waren sie zu weit gegangen, hatten begonnen, die Menschen zu unterdrücken, und das war das Gegenteil von Sozialismus. Das Gegenteil von einer besseren Welt.

Sie hatten die Versorgung der Bevölkerung behindert, durch überstürzte Enteignung von Bauern und Kaufleuten, jetzt gab es häufig kaum noch etwas zu kaufen, kein Essen auf den Tischen der Arbeiter und Bauern. Den Volkszorn hatten sie auf sich geladen, am Ende hatten sie sogar Wahlen fälschen müssen deswegen, Walter dachte nicht gerne daran, aber es war ja doch klar. Sie wussten nicht mehr weiter.

Und das bedeutete, die Revolution musste weiter gehen, andere mussten jetzt ran, nach all den Fehlentwicklungen.

Fehlentwicklungen, jawohl, Irrwege, damit würden sie nicht davonkommen, das als Überspitzung zu verniedlichen und dann einfach weiterzumachen wie bisher. Diesmal nicht. Nicht umsonst hatten sie die Parteioberen in Moskau ordentlich zurechtgestutzt, ihnen klar gemacht, wie sehr sie auf dem Holzweg waren. Spitzbart, Bauch und Brille …

Sozialismus, das war Dialektik, auch das hatten sie in der Kreisparteischule gelernt. Was jetzt geschah, das mussten sie diskutieren aushandeln, offenbar waren neue Umwälzungen nötig, eine andere Lösung sah Walter nicht mehr.

Die Fortsetzung der Revolution.

Und er, Walter, wollte dabei sein. Er würde hinunterlaufen, sich anschließen. Dem Sozialismus neuen Schwung verleihen. Und wenn sie dadurch wieder auf den richtigen Weg gelangen konnten, dann würden sie am Ende den Sozialismus doch noch im ganzen Land einführen, dann könnten sie die Genossen im Westen endlich überzeugen.

Alle wieder vereint, nicht mehr diese ollen Sektoren, die die Stadt in zwei teilten. So wie Genosse Stalin es vorgeschlagen hatte.

Andererseits, wenn er jetzt hinunterlief, dann musste er an der Petri vorbei und Olschowski würde er sicher auch begegnen, bei seinem Glück. Zwei Hundertachtzigprozentige, die hatten sich mit Haut und Haaren der jetzigen Regierung verschrieben, Spitzbarts treue Diener.

Und was, wenn es doch ein Morgen gab? Ein Morgen, an dem immer noch der Spitzbart den Ton angab, sächselnd, mit fiepsiger Stimme?

Walter lehnte sich zum Fenster heraus. Erst ein einmal die Lage besser überblicken. Zwei Kreuzungen weiter brannte ein Kiosk. Überspitzungen. Ohne das kam eine Revolution nun einmal nicht aus.

Aber was, wenn die Russen das nicht sahen? Wenn sie die da draußen alle für Rowdys hielten, für Faschisten, wenn sie an einen Putsch glauben? Was wenn Olschowski recht hatte? Wenn die Russen kämen, eingreifen, vielleicht sogar schießen würden, um der Staatsmacht beizuspringen, deren Volkspolizei den wütenden Demonstranten inzwischen nichts mehr entgegen zu setzen hatte?

Walter griff nach einem Ast der Linde, die vor dem Fenster seines Büros wuchs. Daran zog sich noch weiter aus dem Fenster heraus, seine Füße berührten schon nicht mehr den Boden, nur so konnte er sehen, was da hinten am Ende der Straße vor sich ging.

Menschengruppen hier und da. Der Kioskbrand schien gelöscht zu sein. Und hinten, ganz hinten am Ende der Straße sah Walter einen Panzer. Die Sowjets, eindeutig. Sein Herz begann zu pochen.

Also hatte Olschowski recht. Die Russen verstanden nicht, was vor sich ging, oder sie hatten kein Verständnis dafür, sie waren noch nicht bereit für die nächste Stufe der Revolution, auch sie nicht. Sie glaubten an Konterrevolution, machten sich bereit, alles niederzuschlagen, die Kanonen waren schon geladen.

Was war dann mit Ernst und all den anderen? Sie waren in Gefahr. Walter musste zu ihnen, sie warnen, am besten sofort zum Haus der Ministerien, da hatten sie sich sicher schon wieder versammelt, handelten mit Ministern und Universitätsprofessoren ihre Zukunft aus, auf etwas Schönes, Besseres vertrauend, eine neue Etappe auf dem Weg zu Freiheit und Gerechtigkeit.

Vollkommen arglos.

Andererseits, vielleicht war das alles gar nicht so, wie es schien. Vielleicht fuhren die russischen Panzer nur, um das alles hier ein wenig zu überwachen, um aufzupassen, dass alles gut ging. Vielleicht waren die Russen schon viel weiter als die Regierung hier, anders würde das ja gar nicht passen, warum hätten sie sie sonst in Moskau zur Umkehr gezwungen? Wer weiß, womöglich waren die Panzer sogar da, um die deutschen Arbeiter zu schützen, Ernst und seine Kollegen, falls die Vopos doch schießen sollten.

So unwahrscheinlich war das gar nicht. Die Russen waren nun einmal die Vorhut der Revolution. Jetzt wollten sie sicherstellen, dass auch der nächste Schritt gelang.

Walter seufzte tief. Es war alles so ein Durcheinander, wer sollte da noch den Überblick behalten, die Lage richtig bewerten?

Er stieg mit den Knien auf die Fensterbank. Einige Äste der Linde sahen stabil aus. Auf der anderen Seite des Baumstamms reichten sie bis auf die Straße hinaus. Er fasste sich ein Herz und kletterte in den Baum. Der Panzer hinten schien in die Seitenstraße ab zu biegen. Oder fuhr er die Straße hinunter, auf ihn zu? Es war alles so schwer zu sehen, die Belaubung war dicht zu dieser Jahreszeit.

Um Walter herum auf der Straße herrschte Stille. Auf einmal schienen alle etwas Dringendes zu tun zu haben, eilten davon. Auch die Gruppe, die eben noch angeregt diskutiert hatte, die Gruppe, der sich Walter so gerne angeschlossen hätte, löste sich auf. Jetzt gab es sie nicht mehr, sie, bei denen er sich hätte zu Hause fühlen können. Alle verschwanden in unterschiedliche Richtungen. Walter stand aufrecht auf einem Ast, hangelte sich vorsichtig zum Baumstamm vor. Näher an der Straße würde er vielleicht besser sehen können.

Ja, tatsächlich, der Panzer schien auf ihn zuzufahren. Vielleicht sollte man sich bemerkbar machen, mit den Genossen im Panzer die Lage besprechen. Möglich, dass man ihnen erst begreiflich machen musste, worum es hier ging, eine interne Angelegenheit, die Fortsetzung der Revolution in Deutschland, es ging um Demokratie, um dringend benötigte Fortschritte auf dem Weg zu einer besseren Gesellschaft. Das richtete sich nicht gegen die Sowjetunion, vielleicht war das nicht klar.

Vielleicht musste man ihnen das erklären.

Der Panzer kam immer näher. Walter wünschte, er hätte sein weißes Taschentuch in der Hose gehabt, von ihm aus auch bestickt von der Mutter. Natürlich besaß er gar kein Taschentuch, dass die Mutter bestickt hatte, die hatte eine große Familie zu versorgen, für Stickerei war da keine Zeit. Aber wenn er eins besäße, dann wäre es jetzt hilfreich gewesen, auch wenn es zu einem Proletarier nun einmal nicht passte.

Walter kletterte vorsichtig über einen Ast, der bis auf die Straße ragte. Bis dahin musste er sich vorwagen, um die Lage besser zu überblicken. Hinten waren wieder vereinzelt Menschen zu sehen, junge Männer, offenbar aus den Seitengassen zurück auf die Straße gekommen. Sie sammelten Steine auf dem Bombengrundstück hinter der Schule. Walter reckte den Kopf durch die Lindenblätter, um besser zu sehen.

Was hatten die vor?

Walters Herz pochte so laut, dass er nichts anderes mehr hören konnte. Jetzt war es deutlich zu sehen. Die jungen Männer bewarfen den sowjetischen Panzer mit Steinen, den Freund, den sozialistischen Bruder. Das konnte nicht sein, das durfte er nicht zulassen. So mussten die Russen doch von Konterrevolution ausgehen.

Die Wut war ja verständlich, sie alle verspürten sie. Aber die Russen, die mussten sie auf ihre Seite bringen, sonst konnte das hier nicht gelingen. Sonst waren sie verloren.

Walter lehnte sich aus dem Baum heraus über die Straße, er wollte den Jungs zurufen, ihnen das klar machen lasst das, das sind nicht eure Gegner, die nicht. Er winkte ihnen heftig, abwehrend, verzweifelt, er musste sie abhalten von dem, was sie taten.

Unbedingt.

 

„Hans, Hans, sieh doch. Da liegt ein Mann auf der Straße.“

„Um Gottes Willen, der bewegt sich gar nicht mehr. Und wie der blutet.“

„Den hat der Panzer überfahren, Mensch. Jetzt geht es los. Die Russen bringen die Demonstranten um.“

„Der ist aus dem Baum gefallen, ich habe es genau gesehen.“

„Quatsch aus dem Baum. Was soll er denn in dem Baum? Fühl' lieber mal den Puls.“

„Da ist kein Puls. Ich glaube der ist tot. Sie ihn dir doch an. Ganz bleich.“

„Hilfe, Hilfe, wir brauchen Hilfe.“

„Sieh dir das an, da liegt auch dein Stein, den du unbedingt auf den Panzer werfen musstest. Wenn du damit mal nicht den Mann im Baum getroffen hast.“

„Jetzt hör doch auf mit deinem Baum, was soll der denn in dem Baum?“

„Vielleicht wollte der sich retten, vor dem Panzer, und du schießt ihn ab, mit deinem ollen Stein. Was soll das denn auch. Glaubst du vielleicht, du kannst mit dem Geröll die Russen verjagen?“

„Mensch, nun Quatsch doch nicht, den haben die Russen umgebracht. Angefahren, über den Boden geschleift. Guck doch wie der blutet. Wir müssen dem helfen. Hilfe, so helfen Sie uns doch!“

„Was ist denn da? Was ist denn hier los?“

„Ein Mann liegt auf der Straße, schwer verletzt.“

„Der muss in den Westen. Hier helfen sie dem doch nicht, nie im Leben. Packt mit an Männer, den tragen wir rüber. Da können sie vielleicht noch etwas für ihn tun. Hier bestimmt nicht.“

„Los, fasst alle mit an. Ja so ist richtig. Wenn wir ihn gleichzeitig hochheben, dann geht es. Aber haltet den Kopf hoch, einer muss den Kopf halten. Wer weiß, was mit dem ist.“

„Der ist leblos. Der lebt gar nicht mehr.“

„Ohnmächtig vielleicht, das weiß man doch gar nicht.“

„Ihr müsst das Herz fühlen, so schwer ist das doch nicht.“

„Tot ist der, mausetot. Ich sage es euch.“

„Den haben die Russen ermordet. Der Iwan, dies Schwein.“

„Los beeilt euch, Männer, in den Westen mit ihm. Vielleicht hilft man ihm da. Hier jedenfalls nicht.“

„Blut haben die an den Händen. Das Blut von unschuldigen Menschen.“

„Nieder mit der Regierung.“

„Sei doch still, das wird doch alles nicht mehr. Du siehst es doch, jetzt bringen sie uns auch noch um.“

„Nun, weinen Sie man nicht. Das wird schon wieder.“

„Ein Kreuz, wir müssen ein Kreuz besorgen. Hier, wo er gelegen hat. Den haben sie umgebracht.“

„Mensch, nun lasst doch. Das wisst ihr doch gar nicht. Sie tragen ihn doch gerade erst rüber.“

„Mausetot, sage ich euch.“

„Ich besorge ein Kreuz. Hier stellen wir es hin.“

„Den retten sie doch vielleicht noch.“

„Den Heldentod ist er gestorben. Wir brauchen ein Kreuz.“

„Ein Kreuz muss her.“

 

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