Reise nach Rio

„Zwei Tickets nach Rio.“

Schnittler strich seinen Scheitel nach hinten. Er genoss die Berührung mit seinem Haar. Wie viele seiner Tennisjungs zogen sich morgens die letzten verbleibenden Strähnen über den kahlen Kopf, kämpften mit ihrem Kamm gegen das einsetzende Altern an? Er nicht. Nicht einmal Geheimratsecken hatte er. Er trug dichtes, volles Haar. Blond, honiggolden, Ausdruck seines lichten Charakters. Berndchen, die Frohnatur, der Sonnenschein im Büro und an jeder Theke. Dafür liebten sie ihn, trugen ihn auf Händen, buhlten darum, mit ihm ihr Feierabendbier zu teilen.

Dass er die Haare tönte, fiel niemandem ein. Nur Schröder hatte Augen für solche Dinge. Mensch Bernd, Rosie und du, mit diesen blonden Haaren, so Ton in Ton, man könnte meinen, ihr seid Geschwister.

Brüderlein und Schwesterlein. Schröder ahnte nicht einmal, wie nah er dran war. Schröder mit seiner bösen Zunge und dem enormen Bauch, der auf unerklärliche Weise der Schwerkraft zu widerstehen schien, stramm nach vorne zeigte, anstatt schlaff über den Gürtel zu fallen.

Offenbar hing der Mann hinter dem Schalter seinen eigenen Erinnerungen nach. Oder er hielt Schnittlers Bestellung für einen Witz, jedenfalls reagierte er nicht.

„Businessklasse“, fügte Schnittler hinzu.

Der Mann hinter dem Schalter sortierte Formulare in einen Ringordner ein. Folglich sah er Schnittlers Lächeln nicht, konnte es gar nicht wahrnehmen. Schnittlers Lächeln, das seine langen, strahlend weißen Zähne freilegte. Das magische Lächeln, das nie seine Wirkung verfehlte. Wie ein geheimes Signal löste es unfehlbar an jeder Theke die nächste Runde aus. Doch der Mann hinter dem Schalter, der mit seinem Ringordner zwischen Schnittler und der Copa Cabana stand, hatte in Drachenblut gebadet, er war immun gegen Schnittlers gute Laune. Vielleicht war seine viereckige Brille mit dem dunklen Rahmen nicht stark genug, auch wenn die dicken Gläser seine Augen so sehr verkleinerten, dass sie merkwürdig geschwollen wirkten, so als wären sie entzündet. Sein Blick dahinter war nicht erkennbar. Vielleicht konnte er nichts sehen außer seinen Ringordnern, die direkt vor ihm lagen.

Jedenfalls wirkte der Zauber der blitzenden Zähne nicht auf ihn.

Oder vielleicht hinderten ihn seine kurzen, dicken Finger daran, schneller zu arbeiten.

Schnittler hingegen hatte Klavierspielerhände, lang und wohlgeformt. Keiner konnte so rasch wie er dem Vorgesetzten Kreditverträge und Zahlungsanweisungen vorlegen, um sie nur Bruchteile von Sekunden später nach geleisteter Unterschrift wieder in einer makellos grauen Mappe verschwinden zu lassen. Mehr als fünfzehn Jahre hatten sie sich jeden Abend darin geübt, er und Klapproth, in einem lautlosen Duett zum Abschluss des Arbeitstages. Schnittler zur Linken etwas hinter Klapproths hohem, schwarzen Ledersessel stehend, so dass er nicht viel mehr sehen konnte als dessem dunkel behaarte, signierende Hand. So reichte er seinem Vorgesetzten, genauer dem ihm in einem schwarzen, hohen Ledersessel Vor-Gesetzten, ein Dokument nach dem anderen diskret über die Armlehne an. Und auch Klapproth sah von Schnittler nicht mehr als die lange, wohlgeformte Klavierspielerhand, die ihm Papiere vorlegte und beinahe mit derselben Bewegung wieder verschwinden ließ, nachdem er, Klapproth, in seinem Ledersessel sitzend mit schnellen Strichen Kenntnisnahme bestätigt, Genehmigungen erteilt und Anweisungen gegeben hatte.

Ein beinahe körperloses Spiel dienender und herrschender Hände.

Alles war perfekt aufeinander abgestimmt. Wenn es nach Schnittler gegangen wäre, hätte das Unterschriftenduett fließend, leicht und harmonisch den Arbeitstag abschließen können. Und doch kam es fast jeden Abend zu einem wütenden Crescendo. Klapproth schrieb nur das „K“ und das „l“ aus, der Rest war ein langer Strich, den er spätestens ab der zehnten Unterschrift mit steigender Wut in das Papier ritzte. Er schrieb nicht, er benutzte seinen Kugelschreiber als Schneideinstrument.

Manchmal hätte Schnittler ihn gerne gefragt, was ihn so wütend machte. Die Monotonie seiner Arbeit? Oder seine kleine, unscheinbare Frau mit der kurzen Dauerwelle, die zu jeder Weihnachtsfeier mehr Bauch und mehr Unzufriedenheit mitbrachte?

Vor zwei Jahren etwa hatte Klapproth bei einer Weihnachtsfeier zum Abschied den Arm um Schnittlers Nacken gelegt. Er hatte sich auf die Zehenspitzen stellen müssen dafür, vielleicht lag es daran, dass anstatt einer leutseligen Geste an der Grenze zur Zärtlichkeit eher eine Art Schwitzkasten dabei herausgekommen war. Schnittlers Hals fest umklammert von einem um zwei Köpfe kleineren Ringer.

Ein Vollblutweib, deine Rosie, hatte Klapproth ihm ins Ohr gezischt. Dann hatten sie sich auf den Mund geküsst. Das zweite Mal an diesem Abend. Vorher hatten sie Brüderschaft getrunken. Eingehakt den Korn auf Ex getrunken, ich bin Bernd. Eberhardt. Dann ein Kuss auf den Mund. Nach dem zwölften Bier und dem fünften Korn war das gewesen.

Rosie hatte mitgezählt, wie immer.

Am Montagabend danach, als Schnittler Klapproth die Zahlungsanweisungen so flink und mühelos vorlegte, als sei er nie auf seine Frau gestützt mit dem Niedersachsenlied auf den Lippen aus dem Gemeinschaftssaal eines Hockeyvereins gewankt, den die Bank eigens für die Weihnachtsfeier angemietet hatte, da war von Bernd und Eberhardt keine Rede mehr gewesen. Klapproth setzte seine Unterschrift mit zunehmender Geschwindigkeit und wachsender Wut auf die Dokumente. Ohne ihn anzusehen sagte er am Ende, machen Sie Feierabend, Schnittler. Und grüßen Sie Ihre Frau.

„Die Maschine wird doch nicht voll sein? Nach Rio? Mitten in der Woche?“

Wieder versuchte Schnittler es mit seinem Lächeln, zeigte seine blitzend weißen Zähne. Am meisten blitzten die Jacketkronen, die gleichen wie Rosies. Sie hatte bezahlt, so wie alles andere auch. Die Villa am Waldrand, das Schwimmbad, die zwei Pferde im Reitverein, Rosie zeigte ihre langen Beine gerne in Reiterhosen, Bernd zog weiße Tennisshorts vor. Bernd und Rosie, das große, gutaussehende, charmante Paar, überall beliebt für ihr Lächeln aus dem gleichen Zahnlabor. Berndchen, die Frohnatur. Immer der Lustigste an der Theke, immer bereit für das nächste Bier. Ein Abend mit seinem lauten, dröhnenden Lachen und schon schien das Leben nicht mehr stumpf und grau. Dafür liebten sie ihn, ließen sich gerne vom ihm umarmen nach dem dritten Schnaps, deswegen fand sich immer eine Ehefrau, die ihn am Ende des Abends, oft erst gegen Morgengrauen in Rosies Villa am Waldrand fuhr. Mit Ausnahme der nüchternen Fahrerin nahmen alle Mitfahrer immer gerne seine schnapsgetränkten Küsse auf den Mund entgegen.

Nur auf den Mann hinter dem Ticketschalter verfehlten Schnittlers blitzende Zähne weiter ihre Wirkung. Er sah einfach nicht hin.

„Das macht 7564 Mark. Pro Ticket.“

Schnittler legte seine schwarze Aktentasche auf den Schalter, die Schnallen klickten laut, als er sie öffnete. Er zog ein Bündel Geldscheine heraus. Seine Scheine, nicht Rosies. Damit war jetzt Schluss. Schluss mit Rosies Villa, Rosies Schwimmbad, Rosies Pferden und mit Rosies Reisen in Luxushotels an der Mittelmeerküste. Von nun an zahlte er selbst.

Schnittler streckte sein Rückgrat, er wollte seine ein Meter neunzig Körpergröße in ihrer gesamten Länge spüren. Und der Mann hinter dem Schalter sollte es auch.

Es war alles so einfach gewesen. Mit seinen langen, schlanken Klavierspielerhänden hatte Schnittler kurz vor Feierabend Klapproth Kreditverträge und Zahlungsanweisungen zur Unterschrift vorgelegt, schneller und immer schneller. Der hatte mit wachsender Wut unterschrieben. Natürlich hatte Schulze rechtgehabt mit seiner brillanten, geradezu genialischen Schnapsidee.

Mensch, Bernd, der guckt doch nicht einmal hin. Wir machen ein schönes Konto auf, Kreissparkasse oder Volksbank, scheißegal. Du jubelst ihm abends beim Abzeichnen eine Zahlungsanweisung unter, sagen wir `ne Mille. Oder besser `ne Mille neun. Ich mach das gleiche. Zwei Tage später lassen wir uns das auszahlen und dann, jummmmmm, Schulze hatte den Bierdeckel mit Schwung über die Theke gezogen und ihn dann dann abheben lassen wie ein Flugzeug.

Rio. Du und ich, Bernd, wir beide an der Copacabana. Sonne, Strand und nackte Weiber. Was meinst du, wie uns da das Bier schmeckt, jeder mit 'ner rassigen, schwarzen Sambatänzerin im Arm. Oben ohne, ist doch klar.

Sie hatten gelacht, dass der Tresen wackelte. Noch zwei, drei Kurze mehr, dann lagen sie sich bier- und schnapsselig in den Armen. Das war im November gewesen.

Und jetzt stand er hier, reichte dem Mann hinterm Schalter, den sein Lächeln nicht interessierte, Bündel von Geldscheinen.

Der warf Schnittler einen schnellen Blick zu, zum ersten Mal. „Sie zahlen bar“, bemerkte er nüchtern. Noch bevor Schnittler seine Zähne blitzen lassen konnte, hatte er seinen Blick auf die Geldscheine gerichtet und zählte.

„Das ist Ihr Rückgeld. Und hier sind Ihre Flugscheine.“

Der Mann kringelte Zahlen auf den Tickets ein und gab Erklärungen ab, an welchem Flugsteig Schnittler sich mit seinem Reisegefährten zu welcher Zeit einfinden sollte.

Schnittler steckte die Tickets ein und legte die Hunderter, die der Mann ihm gereicht hatte, mit großzügiger Geste wieder auf den Schalter.

„Die sind für Sie.“

Er hatte sich schon abgewendet, war drauf und dran gewesen zu gehen, da drehte er sich noch einmal um. „Ach, geben Sie mir doch mal einen Tipp“, Schnittler versuchte ein letztes Mal sein Lächeln, ließ seine Zähne geradezu funkeln. „Wo finden wir denn das beste Hotel in Rio, mit Schwimmbad und Strandbar und allem Drum und Dran?“

„Da müssen Sie im Reisebüro nachfragen. Wir verkaufen hier Flugscheine.“

Schnittler wedelte mit den Tickets durch die Luft, als er wieder an den Tresen kam, wo Schulze auf ihn gewartet hatte. Hier wenigstens tat Schnittlers Lächeln seine Wirkung. Schulze deutete auf ein frisch gezapftes Bier auf dem Tresen und prostete ihm zu.

„Morgen sind wir an der Copa Cabana, in jedem Arm ein nacktes Weib. Schwarz und rassig.“

Es war erst Mittag und Schulze lachte schon wie an jenem Abend, als sie die Sache mit der Unterschrift ausgeheckt hatten.

„Prost Bernd“, sagte er.

„Prost Hartmut.“

Der Tresen wackelte, so sehr lachten sie.

 

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