Die Lücke im Bild

Es ist kaum noch etwas erkennen, nur die Umrisse einer Frau. Sie hält ein Kind in der Hand. Wenn man das Bild lange genug betrachtet, erahnt man dahinter das Meer. Und Himmel. Alles andere ist verblichen. An schönen Tagen fällt nachmittags die Sonne durch das Wohnzimmerfenster, sorgt dafür, dass die Farben mit den Jahren im gleichen Maße verblassen wie die Erinnerungen.

Es muss eine meiner ersten Ferienreisen gewesen sein. Ein klares Bild habe ich nur noch von dem, was nicht zu sehen ist. Meinem Vater. Er fehlt nicht etwa, weil er auf den Auslöser drücken musste. Das übernahm ein älterer Herr mit Hund, der uns fast täglich bei seinen morgendlichen Spaziergängen am Strand begegnete. Wenn ich nicht schnell genug flüchtete, tätschelte er mir den Kopf.

Mein Vater konnte nicht auf den Auslöser drücken. Er war nicht da.

Das war immer so.

Für sein Fehlen gab es eine Handvoll von Erklärungen – Tennis, Überstunden, Hexenschuss, ein Jugendfreund in Not. Sie lösten einander ab wie Staffelläuferinnen in einem unendlichen Rennen. Jede ließ sich von den anderen so lange ersetzen, bis sie wieder erfrischt an den Start gehen konnte, geradezu wie neugeboren. So konnte es immer weitergehen.

Mein Vater war nicht nur einfach nicht da, er glänzte mit seiner Abwesenheit. Man erkundigte sich nach ihm, man diskutierte seine Entschuldigungen, wog ab, ob sie überzeugten, oder bewunderte ihn für seine Geschäftigkeit. Indem er weg blieb, gelangte er ins Zentrum der Aufmerksamkeit, so wie er es liebte. Das war im Urlaub so, bei Kindergeburtstagen, bei meiner Einschulung und oft auch Heiligabend.

Je weiter er weg war, je unwiederbringlicher man ihn verloren glaubte, umso hartnäckiger bemächtigte er sich unseres Lebensraums, füllte jede Ecke aus, hatte alles im Griff. Selbst die Luft zum Atmen.

Richtig verstand ich das erst, als er eines Tages ganz verschwunden war.

Er kam einfach nicht nach Hause, auch nicht wie sonst morgens um fünf, taumelnd und singend aus dem Auto eines Tennisfreundes, das eine nüchterne Ehefrau mit steilen Stirnfalten zwischen den Augen von Heim zu Heim steuerte, um berauschte Familienväter sicher zu Hause abzuliefern. Stattdessen kam die Polizei. Sie nahmen mit meiner Mutter auf der Sofaecke Platz, schlossen die Wohnzimmertür, murmelten, bis ich die Geduld verlor und mich in meinem Zimmer einschloss, um Musik zu hören. Als ich wieder nach unten kam, saß nur noch meine Mutter da.

„Papa ist weg“, sagte sie.

„Und was gibt es Neues?“, fragte ich.

„Er hat zwei Millionen Mark unterschlagen, bei der Arbeit, und ein Flugticket nach Rio gekauft. Vermutlich eine falsche Fährte, sagen die. Welcher Millionenbetrüger verlässt schon unter eigenem Namen das Land? Verrückt müsste man sein oder bescheuert.“

„Dann passt das doch“, sagte ich.

 An jenem Morgen wich die Sehnsucht nach meinem Vater endgültig dem Wunsch, seine bleiern schwere An-Abwesenheit möge sich in Leere verwandeln. Leere, einfach nur Leere. Ohne Substanz. Ohne Gewicht. Stattdessen war er allgegenwärtiger denn je. In den Straßen unserer kleinen Stadt tuschelten sie, in der Schule wurde ich gehänselt, zu Hause belagerten uns Journalisten, als wären wir englische Adelstöchter, die sich anschickten, den Prinzen von Wales zu heiraten. In allen Zeitungen und Magazinen schrieben sie über ihn, sogar in den Fernsehnachrichten gab es einen Bericht. Überall im Wohnzimmer lagen sagenhafte Geschichten über einen Mann, der alles besaß, Charme, die Liebe einer schönen und reichen Erbin, Beliebtheit am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft und im Freundeskreis, ein großes Haus mit Schwimmbad im Garten und ein blondes Kind. Und doch hatte er sich über Nacht zum Bankräuber gewandelt, war geflohen, sein märchenhaft schönes Leben hinter sich lassend. Warum?

 

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