Die Lücke im Bild

Ich schwänzte noch mehr als sonst die Schule, verbrachte ganze Tage auf der Parkbank am Bahnhof mit Bier und den zwei Vertretern des Punks in unserer Stadt. Einmal schlich ich mich in seinen Tennisverein, früh am Morgen, als die Gastwirtschaft noch nicht in Betrieb war. Zwei Hausfrauen spielten auf einem der hinteren Plätze, sonst war keine Menschenseele zu sehen.

Seit meiner frühen Kindheit hatte ich keinen Fuß mehr an diesen Ort gesetzt, es war Feindesland. Hier lauerten die Sirenen meines Vaters, Männerfreunde, Bier und Bewunderung, die ihn lockten, in seine Abwesenheit, die keine war.

An jenem Morgen dachte ich, hier, und nur hier könnte ich mich seiner entledigen.

Ich trat in das Klubhaus ein, ging die Treppen hoch zur Gastwirtschaft. Sie stand offen, wie immer, es gab nicht einmal eine Tür. Ich suchte nach einem vergessenen Bierglas, vergeblich. Die Wirtin hatte blitzsauber aufgeräumt. Also trank ich direkt vom Zapfhahn. Erst als ich daran dachte, dass hemmungsloser Bierkonsum vor allem meinen Vater auszeichnete, beschloss ich, auf Schnaps umzusteigen. Weil die Schränke mit den harten Alkoholika abgeschlossen waren, setzte ich mich an eine grüne Sitzecke und betrachtete die Bilder an der Wand, Gruppenfotos von Männern oder Frauen, die mal vor, mal hinter dem Tennisnetz aufgereiht waren. Die Mitglieder von Jugendmannschaften turnten übereinander auf den Stufen von Schiedsrichterstühlen, einer durfte oben auf dem Sitz thronen, der Platzhirsch vermutlich. Voller Tatkraft hielten sie alle, ob jung oder alt, den Tennisschläger vor die Brust, lachten zuversichtlich in die Kamera.

Das Mannschaftsfoto meines Vaters kannte ich. Ein Abzug davon stand zu Hause neben unserem Urlaubsbild, vielleicht als eine Art Rechtfertigung dafür, dass ich vaterlos mit meiner Mutter vor dem Mittelmeer posierte. Irgendetwas stimmte nicht im Klubhaus mit dem Bild der kraftstrotzenden Mannen um meinen Vater, das sah ich gleich. Erst dachte ich, die Tennisdamen wären das Problem, die auf dem Foto daneben die bleichen Umrisse meiner Mutter und mir vor dem Mittelmeer ersetzten. Erst nach langem Betrachten und einem weiteren Schluck aus dem Zapfhahn fand ich den Fehler. Der große Blonde in der Mitte, der beim Lachen alle Zähne bleckte, er fehlte. Auf dem Mannschaftsbild meines Vaters war mein Vater nicht dabei. Er war verschwunden, wie immer, ausradiert. Als hätte er auf seiner Flucht aus der Stadt alle Bilder von sich mitgenommen.

Ich weiß nicht, wie lange ich auf das Foto starrte. Ein paar Sekunden lang, vielleicht, vielleicht auch Tage. Mein Zeitempfinden war mir entglitten wie mein Vater dem Bild seiner Tennismannschaft.

Das erste, was ich wahrnahm, war die Berührung einer knorrigen Hand auf meiner Schulter.

„Was machst du denn hier Claudie? Musst du nicht in die Schule?“

Die dunkle Stimme, die mir wieder Leben einhauchte, gehörte dem Platzwart des Vereins. Morgens, wenn die Menschen von den Bildern bei der Arbeit waren, oder abends, wenn sie im Klubhaus an der Theke saßen, mein Vater allen voran, sprengte er die Sandplätze und planierte sie, besserte Netze aus und mähte Rasenflächen. Als kleines Kind hatte ich auf den Spielplätzen gespielt, die er in Schuss hielt. Einen Moment lang war mir so, als könnte er auch mich Instand setzen, mich herausführen aus der Verlorenheit der väterlichen An-Abwesenheit. Bevor er Tennisplätze hegte, war er Holzfäller gewesen in Kanada, hieß es, zwanzig Jahre lang. Mit endloser Weite musste er sich dann doch auskennen, und auch mit Verlorenheit.

„Das war dieser Pressefritze. Der kam immer wieder hier angeschlichen, wollte ein Bild haben von deinem Vater. Gibt's nicht, haben wir dem gesagt. Dem geben wir doch nicht unsere Bilder. Da hat er es sich selbst geholt. Sauberer Schnitt, das muss man dem lassen. Da musst du dich direkt davorstellen, um das zu sehen.“

Ich suchte den Schnitt, die Lücke, in die mein Vater entwichen war. Doch so sehr ich meine Augen auch anstrengte, ich konnte sie nicht erkennen. Für einen Erstbetrachter musste das Bild vollständig aussehen, keine Frage. Nur wenn man es kannte, wenn es sich einem in den Kopf eingegraben hatte wie bei mir, wusste man, das etwas fehlte. Und dann konnte man nichts anderes mehr wahrnehmen.

„Ich glaube, das waren die“, sagte ich, ohne den Blick von dem Bild zu lassen. Auf einmal taten sie mir leid, die kraftstrotzenden Mannen um den sauberen Schnitt, in den mein Vater verschwunden war. Sie hatten ihn loswerden wollen, jetzt waren sie nur noch das Beiwerk, das seine Abwesenheit unterstrich. Denn für jeden, der wusste, dass er hätte da sein sollen, gab es nur noch ihn. Man konnte ihn einfach nicht austilgen, nicht mit dem besten Schnitt. Es war hoffnungslos.

„Unsinn, Mädchen. Keiner ist hier so beliebt wie dein Vater. Bald ist er wieder hier, das kannst du mir glauben. Das war eine Dummheit...der Alkohol. Der kommt wieder zur Besinnung.“

Er tätschelte tatsächlich die Betonburg auf meinem Kopf, meine steil nach oben gestellten Haare. Offenbar gab es nichts, womit man sich vor Erwachsenen schützen konnte, nicht einmal Haarspray und Totenkult.

Der Platzwart behielt recht, mein Vater kam zurück. Nur um gleich wieder zu verschwinden. Nach anderthalb Jahren lieferten die Brasilianer ihn aus. Er wurde verurteilt und kam beinahe augenblicklich wieder frei. Brasilianische Haftstrafen standen hoch im Kurs damals, die Untersuchungshaft rechneten sie ihm an wie sechs Jahre Gefängnis in Deutschland. Er ging nach Gran Canaria, eröffnete eine Kneipe und schenkte deutsches Bier aus, zehn Jahre lang, dann starb er an Krebs.

Ich sah ihn nur einmal wieder, als er in Deutschland in Untersuchungshaft saß. Wir hatten uns nichts zu sagen.

Ich bekam einen neuen Vater, einen ordentlichen, der da war, wenn er da war und wenn er weg war, war er weg. Ich blieb bei meiner Frisur, schwänzte weiter die Schule, trank mit meinen Punkfreunden Bier auf der Parkbank am Bahnhof und verbrachte die Wochenenden auf Gothic-Parties.

„Vielleicht hat sie das von Bernd“, sagte ein Tennisfreund meines Vaters, als er mich eines Morgens um sieben bei meiner Mutter ablieferte, mit einem Mädchen, das niemand kannte. Der Mann hatte uns im Deister auf einem Hochsitz gefunden, zwischen Bierdosen und zerrissenen Netzstrumpfhosen schliefen wir unseren Rausch aus. Statt in aller Ruhe Rehe zu jagen, hatte er sich genötigt gefühlt, uns aus dem Schlaf aufzurütteln, notdürftig zu bekleiden und wieder in die Obhut von erwachsenen Aufsichtspersonen zu übergeben. „Bei dem habe ich auch immer gedacht. Ich meine, der Gang und dann immer dieses Geküsse, wenn er getrunken hatte.“

„Du meinst doch nicht ernsthaft, dass Schwuletten ihr Homogen an ihre Töchter weitergeben“, sagte das Mädchen. Sie unternahm nicht einmal einen Versuch, ihr Gesicht von der festgesprayten Haarmauer zu befreien, die eigentlich steil in die Höhe hätte stehen sollen wie meine sonst auch. In dem Augenblick verliebte ich mich in sie.

Mit achtzehn ging ich nach London, später nach Berlin. Aus meiner Vorliebe für Verkleidungen machte ich einen Beruf. Es war nicht leicht, die Männer haben es immer besser verstanden, sich mit Queer-Gehabe in Szene zu setzen. Schwulenbars umgibt eine Aura von Lebensfreude und Ausschweifungen, aber wer würde schon freiwillig trinken wollen, wo verbissene, männer- und überhaupt lebensfeindliche Lesben verkehren? Männliche Busenwunder mit rosa Perücken, Stilettos und schriller Schminke dürfen in keiner Gala oder Talkshow mehr fehlen, aber wer könnte sich vergleichbaren Erfolg für eine Frau vorstellen, die als Karikatur eines Kerls auftritt? Sagen wir mit aufgeblasenen Oberarmmuskeln, einer XXL-Penis-Attrappe, Oberlippenbart und breitbeinigem Gang, damit die durchtrainierten Schenkel nicht aneinander schubbern?

Ich habe trotzdem einen Weg gefunden, irgendwie, in meiner kleinen Nische. Im Smoking und mit altmodischem Haarschnitt singe ich A-Cappella-Schlager aus den Zwanzigern, nur wer genau hinsieht, erkennt die Karikatur. Ich gastiere in ganz Deutschland. Mein Restaurant wartet neben gehobener deutscher Küche mit Konzerten und Gesangseinlagen auf. Auch da brummen die Geschäfte. Zusammen mit meiner Freundin wohne ich in einer 120-Quadratmeter-Eigentumswohnung mit Dachterrasse mitten in der Stadt.

Ich bin 44 Jahre alt. So alt wie mein Vater, als er verschwand.

Wenn ich mich fertig mache vor meinen Konzerten, dann blickt er mir entgegen. Es gibt keinen Zweifel, der lange, androgyne Sängerknabe im Spiegel, das ist er. Wie er leibte und lebte.

Ich habe alles versucht, sogar das Trinken habe ich aufgegeben.

Ich bin ihn nie losgeworden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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