Stadt und Gespenster

Julia hatte drei Stunden fast ohne Pause an ihrem Artikel geschrieben. Jetzt begann sie zu stocken. Sie sah eine Weile zum Fenster hinaus auf die Rasenfläche, wo Kollegen rauchten, ihre letzten Forschungsergebnisse besprachen oder ganz einfach von einem Gebäude zum nächsten gingen. Dann wandte sie sich wieder ihrem Bildschirm zu.

„Hohes FSH, niedriges AMH, trotzdem Kind“, gab sie in die Internetsuchmaschine ein.

Missy erzählte in einem Kinderwunschforum ihre Geschichte unter der Überschrift „Hoher FSH-Wert und niedriges AMH – Mädels ich mache euch Mut.“ Julia hatte sie schon hundertmal gelesen. Anti-Müller-Hormon unter 0.1, FSH katastrophal hoch. Mit anderen Worten, sie hatte kaum noch Eizellen - wie Julia.

Dieses verfluchte Anti-Müller-Hormon. Julias Leben war unvergleichlich besser gewesen, als sie von dessen Existenz nicht einmal geahnt hatte. Anti-Hormon. Anti-Müller. Anti-Baby. Anti-Julia, Anti-Julia und Sebastian, Anti-Missy. Anti-Missy und Anti-Missys Mann, den sie in ihren Interneteinträgen nie erwähnte. Anti-Traum von der glücklichen Familie, Anti-Leben, Anti-anti, anti, gegen. Gegen alles, was das Leben schön machte.

Viermal hatte Missy eine In-Vitro-Fertilisation ausprobiert, aber auch mit sagenhaft hoher Dosierung der Medikamente hatte sie meistens nicht eine einzige Eizelle produziert. Alles war hoffnungslos erschienen. Doch ein junger Arzt hatte sich hartnäckig gezeigt und Missy mit einer schonenden Methode und geringem Medikamenteneinsatz behandelt.

„Sein Chef war dagegen, denn die Klinik verdient bei dieser Methode nicht gut – *läster*“, schrieb Missy. Doch der Widerstand hatte sich gelohnt. „Das Ergebnis liegt jetzt neben mir auf dem Sofa – *tschakka*!!!“

„Wow, herzlichen Glückwunsch“, schrieb Denada76. Jahrgang 76, dachte Julia verträumt. Wenn ich so schnell reagiert hätte wie die, hätte ich vielleicht nicht alle meine Chancen verpasst. Vor vier Jahren habe ich gerade erst angefangen. Die ist schon in Behandlung, kann noch alles erreichen. „Ich bin in der gleichen Situation wie du“, erklärte Denada76. „Deine Behandlung muss ich unbedingt auch probieren. Was für ein Protokoll hat dein Arzt denn verwendet?“

Als Antwort hatte Missy bereitwillig das Rezept für ihren Erfolg allen interessierten Leserinnen des Forums zur Verfügung gestellt.

„Wie heißt denn dein Arzt? Und wo praktiziert er? Da muss ich sofort hin“, schrieb Nan@. Nana, Nanette. Der Name gefiel Julia. Er hatte etwas Verruchtes. Vielleicht war das genau das Richtige, um Fruchtbarkeit heraufzubeschwören. Julia erschrak über ihre eigenen Gedanken. Diese Fruchtbarkeitsprobleme würden aus ihr, der rationalen Wissenschaftlerin, die keiner Behauptung ohne überzeugende theoretische Begründung und empirische Belege traute, irgendwann noch einmal eine Esoterikerin machen. Im Geiste sah Julia sich als Hexe in langen, wallenden Gewändern durch grüne Natur schreiten. Sie meditierte, tanzte, trommelte und nahm mit allen möglichen inneren und äußeren Geistern Kontakt auf, um der Erfüllung ihrer Wünsche endlich zum Durchbruch zu verhelfen.

„Meine Ärztin hier glaubt nicht an diese Methode“, klagte Nan@.

Missy hatte ihre private E-Mail-Adresse angegeben, um Nan@s Fragen zu beantworten. Auf dem Forum sei sie nicht mehr häufig unterwegs wegen Babystress – *heul*. Doch die E-Mails kontrolliere sie regelmäßig – *hüpf*, schrieb Missy. Physisch war sie in Kärnten, doch das war Nan@ gleichgültig. Sie hätte sich auf dem Mond behandeln lassen, um eine neue Chance zu bekommen.

Julia war passive Mitleserin auf diesen Foren. Sie suchte nach tröstlichen Geschichten und nach Informationen über Behandlungsmethoden, die für sie in Frage kamen. Sich mit unbekannten Inkognito-Frauen in Comicsprache über ihr Problem auszutauschen, war ihre Sache nicht. Doch die Gelegenheit, sich nach Missys Arzt zu erkundigen hatte sie sofort ergriffen. Wenn sie nicht eine Ärztin im 14. Arrondissement mit einer langen Veröffentlichungsliste gefunden hätte, die mit ähnlichen Methoden arbeitete, dann wäre sie zur Not auch nach Kärnten gefahren, um sich behandeln zu lassen.

Julia gab ihre Suchanfrage noch einmal auf Englisch ein. Vielleicht wussten die Schwestern aus angelsächsischen Landen mehr.

Frauen, die sich in Kinderwunschforen tummelten - bemerkenswerter Weise tummelten sich dort fast ausschließlich Frauen - traten in der Regel mit einer kleingedruckten Kurzbeschreibung ihrer Leidensgeschichte auf, die automatisch unterhalb ihrer Diskussionsbeiträge erschien. Sie 39, er 41, schwaches Sperma. Oder: Sie 33, Endometriose mit schweren Vernarbungen der Gebärmutter, er 35, phantastisch schnelle Schwimmer in jeder Menge und in Topform. Drei- bis fünf vergebliche Versuche mit Insemination. Danach so-und-so-viele In-Vitro-Fertilisationen mit zunehmender Intensität des Eingriffs und der Kosten. Frauen, die mit ihren Behandlungen am Ende Erfolg gehabt hatten, ließen manchmal Comiczeichnungen von kleinen Kindern mit Babyhaube und Schnuller unter ihrer Selbstbeschreibung entlang hüpfen.

Um auf Kinderwunschforen dabei sein zu können, benötigte man genaue Kenntnisse der Abkürzungen, die in diesem Milieu üblich waren. Julia hatte lange Arbeitspausen damit verbracht, deren Bedeutung zu enträtseln. Französische Frauen konsultierten Gygys, Gynäkologen, und produzierten Fofos, Follikel, wenn der Gygy ihre Eierstöcke mit Medikamenten stimuliert hatte. Sie waren auf dem Weg zu bb1- ihrem ersten Baby. Doch ihr Mann hatte leider zu wenige Zozos, Spermien, vermutete Julia, die dazu noch von schlechter Qualität waren. Sie unterzogen sich IUIs, FIVs und ICSIs, um diesen Problemen beizukommen. Englischsprachige Frauen gaben an, wie viele Jahre sie schon mit TTC, trying to conceive, also dem Versuch, schwanger zu werden, beschäftigt waren, wie oft sie mit DH, ihrem dear husband, den BD, baby dance, veranstalteten, wenn die Temperaturkurve das erforderte, wie viele Follies, Follikel, bei ihren einzelnen Versuchen mit In-Vitro-Fertilisation gereift waren, wie viele Embies, Embryos, sich nach der Befruchtung entwickelt hatten, und nach wie vielen Wochen die Schwangerschaft mit einer Fehlgeburt geendet war. Einigen Engländerinnen kam es nicht zu viktorianisch vor, ihre Periode als „Aunt Flo“ zu bezeichnen. Manche Webseiten boten gar ein Glossar für diese Ausdrücke an.

Frauen mit Julias Problem konsultierten REs, Reproduktionsmediziner und Endokrinologen, die ihnen die große M-Speech verabreichten: „Sie sind in der Menopause und haben keine Chance, ein eigenes Kind zu bekommen. Ihre Optionen sind Adoption oder Eizellspende.“

Wer so weit gekommen war, von derlei Erlebnissen im Internet zu berichten, der hatte unweigerlich eine Wunderschwangerschaft vorzuweisen, die sich entweder kurz nach der M-Speech eingestellt, oder aber zu dem Zeitpunkt schon bestanden hatte, ohne dass es jemand geahnt oder auch nur für möglich gehalten hätte. Diejenigen, die sich mit der Schlussfolgerung keine Eizelle – kein Baby hatten abfinden müssen, meldeten sich auf diesen Foren nicht. Wahrscheinlich gab es andere virtuelle Marktplätze für solche Leute. Abschied-vom-eigenen-Kind.de oder Glückliche-Adoptiveltern.de.

Julia liebte Wundergeschichten. Sie waren der Grund, warum sie diese Seiten besuchte, auf denen mäßig informierte Frauen mit zuweilen schockierender Orthographie und Interpunktion ihre Ängste beschrieben und wildfremde Menschen um die Beantwortung ihrer Fragen und um Trost baten. Die Erfolgsgeschichten bestärkten Julias Kampfgeist und sie halfen ihr, ihren Rachephantasien freien Lauf zu lassen. Im Geiste verfasste sie gehässige Texte für die Geburtsanzeige ihres Kindes. Alle Ärzte, die sie entmutigt hatten, sollten das bekommen. Das Geburtsdatum würde sie mit dem Hinweis auf eine spontane Empfängnis anstatt mit Gewicht und Körpergröße des Kindes versehen und der Text würde an die Fehlprognosen der Ärzte erinnern und deren wenig einfühlsame Verbalisierung in der Sprechstunde.

Julia übersprang die Seiten der New Yorker Klinik, die das Anti-Ageing-Hormon DHEA für die Behandlung verminderter Eizellreserven hatte patentieren lassen. Einige Erfahrungen mit Patientinnen dieser Klinik hatten darauf hingedeutet, dass das Medikament bereits erschlaffte Eierstöcke wieder etwas auffrischen könnte. Jetzt schrieben die Entdecker dieses Wunderheilmittels darüber einen Artikel nach dem anderen. Sie hatten ihre Internetseite reich geschmückt mit schriftlichen und verfilmten Erfahrungsberichten von Frauen um die 40, die damit noch einmal zum Kinde gekommen waren, und sie boten Discountpakete für drei bis fünf Behandlungen an.

Julia hatte die Internetseite dieser Klinik sofort gefunden, nachdem sie zum ersten Mal mit ihrer aussichtslosen Lage konfrontiert worden war. Sie hatte über die eigens dafür eingerichtete Nachrichtenvorrichtung auf der Internetseite eine Zweitmeinung angefordert, die sie nie erhalten hatte. Trotzdem hatte sie ernsthaft in Erwägung gezogen, sich in New York behandeln zu lassen. Am Ende hatte sie dann doch ihre Kräfte lieber darauf konzentriert, eine vergleichbare Behandlung in Paris aufzutreiben. Sie hatte lange gebraucht, bis sie einen Pariser Arzt davon überzeugen konnte, ihr DHEA zu verschreiben. Ihre Haus-und-Hof-Gynäkologin hatte sich nicht getraut, weil das Medikament in Frankreich nur für wenige Krankheiten zugelassen war. Die Forscherin aus dem 14. Arrondissement hatte sich die Augen zugehalten, als sie Julia das Rezept über den Tisch zuschob. Es gäbe keine verlässlichen Forschungsergebnisse, die die Wirksamkeit des Medikaments belegten, hatte sie gesagt. Aber schaden könne es doch nicht, hatte Julia gefragt. Nein, schaden nicht. Genutzt hatte es allerdings auch nicht.

Julia klickte sich zu EGs Seite durch. EG war mit Ende Dreißig und einem stark überhöhten FSH-Wert den düsteren Prognosen vierer REs zum Trotz schwanger geworden. Nur kurze Zeit nach der Geburt hatte sie ein zweites Kind bekommen dank der unkonventionellen Methoden eines chinesisch-stämmigen Arztes aus Los Angeles, der seine Klinik „Hope Reborn“ genannt hatte. Wiedergeborene Hoffnung. Das war es, was diese Internetseiten versprachen, meistens gegen Geld. Gemeinsame Trauer und Panik verzweifelter Frauen oder Hoffnung. Hoffnung, dass es irgendwo auf der Welt einen Arzt gab, der bereit war, einen zu behandeln, auch wenn alle anderen das ablehnten. Hoffnung, dass Fußzonenreflexmassage, Akupunktur oder chinesische Kräuter etwas erreichen konnten, wo die Schulmedizin versagt hatte. Hoffnung, dass die Geschichten der anderen einen zu der richtigen Lösung führen oder inspirieren konnten, um irgendwie ein höheres Niveau der Entspannung zu erreichen, das einem erlaubte, schwanger zu werden.

Julia ballte beide Hände zur Faust, zog den Nacken ein, verzog das Gesicht und murmelte grimmig: „Ich muss mich entspannen, ich muss mich entspannen, ich muss mich entspannen.“ Das war ihr Lieblingswitz geworden, den sie in der Regel nur mit sich selbst teilte.

EG schwor auf Akupunktur und chinesische Kräuter. Sie war der festen Überzeugung, dass ein Buch ihr entscheidend geholfen hatte, dessen Autorin unter dem Warenzeichen fertilespirit firmierte und ihre Methoden – Diäten, Yoga, Akupunktur, Quigong und Autosuggestion – Frauen in ganz Amerika in Seminaren vermittelte. Inzwischen vergab sie landesweit Lizenzen für Kursleiter, für die sie die Berufsbezeichnung „Führungsperson für reproduktive Gesundheit und Wohlbefinden“ gefunden hatte.

Julia fragte sich manchmal, ob die Internetseite, auf der EG die neueste Forschung zu verminderter Eizellreserve, Links zu Kliniken, Statistiken, Diskussionforen, Literatur und Blogs von Betroffenen zusammengestellt hatte, nicht doch einfach nur eine Werbemaßnahme der Marketingstrategen hinter fertilespirit war, die besonders authentisch wirken sollte. Wahrscheinlich war EG nur eine virtuelle Siegerin über die Unfruchtbarkeit, ein Hirngespinst, mit der einzigen Funktion, den Markt für herkömmliche und alternative Reproduktionsmedizin zu beleben. Denn wer kaufte schon all diese Produkte und Dienstleistungen, wenn es keine Hoffnung gab?

Fertilespirits schärfste Konkurrentin nannte sich fertilemind und propagierte, dass Frauen nur ihren inneren Fertilitätsspezialisten finden müssten, um schwanger zu werden. Unfruchtbarkeit war ein Problem der inneren Balance, das sich in hormonellen Ungleichgewichten widerspiegelte. Den inneren Fertilitätsspezialisten fand man am besten mit Bionahrung, Meditation und allen möglichen fernöstlichen Sportarten und Entspannungsmethoden. Man durfte sich selbst niemals als unfruchtbar bezeichnen, sondern musste der interessierten Öffentlichkeit erklären, dass man Schwierigkeiten bei der Empfängnis habe. Fertilemind bot Telefonkonferenzen für verzweifelte Frauen mit Fruchtbarkeitsproblemen in Amerika und Europa an, bei denen man sich offenbar fernmündlich zum Kinde coachen lassen konnte.

Fertilemind und fertilespirit hatten beide selbst aus einer schier aussichtslosen Situation heraus am Ende doch noch Kinder zur Welt gebracht. Wahrscheinlich hatten sie sich gesagt, dass man derart viel Schweiß, Blut und Tränen am besten in etwas Positives, Dauerhaftes verwandelt, zum Beispiel in ein erfolgreiches Geschäft. Die Idee gefiel Julia. Sie hatte immer mal wieder den Impuls gehabt, eines der Bücher der beiden Frauen zu bestellen. Am Ende hatte sie doch davon Abstand genommen.

Alle Methoden, bei denen wissenschaftlich jedenfalls nicht ganz auszuschließen war, dass sie halfen, hatte Julia ohnehin schon in ihr Leben integriert. DHEA, Yoga für oder gegen die Wechseljahre – obwohl es keine wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Wirksamkeit dieser Methode gab, aber immerhin machte es beweglich - und wöchentliche Sitzungen bei einer sinnlichen Akupunkteurin, Mutter von vier Kindern, mit üppigen, langen, braunen Haaren, die in China promovierte und an einer Pariser Klinik ein Forschungsprojekt über die Wirkungen von Akupunktur auf den Erfolg von In-Vitro-Fertilisationen leitete. Sie strahlte derart himmlische Ruhe aus, sie schien so vollkommen im Reinen mit sich zu sein und sie war Julia so sympathisch, dass sie sich sogar chinesische Kräuter von der Akupunkteurin verschrieben ließ, die ein Fahrradbote einmal die Woche von einer kleinen chinesischen Apotheke im 14. Arrondissement bei Julia zuhause vorbeibrachte. Doch sich mit anderen unglücklichen Frauen zusammen an die Wand zu lehnen, innerlich ihre Träume (ein Kind) zu visualisieren und sich dann danach zu strecken, bis sie ihren inneren Fertilitätsspezialisten aktiviert hatte, dass ging Julia entschieden zu weit.

Sie schloss den Internetbrowser und blickte wieder aus dem Fenster. Draußen redeten zwei Laborassistentinnen wild gestikulierend aufeinander ein. Wahrscheinlich hatte es im Labor Ärger gegeben.

Julia öffnete ihren Artikel und schrieb weiter.

 

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