Heinrich und das Licht

Heinrichs Bart war lang und weiß, als ihm endlich die Erleuchtung kam.

Er hatte die Glühlampe erfunden.

Der Andere verdankte seinen Ruhm allein Tüftlern wie ihm. Träumern, denen der Sinn für das Praktische fehlte. Der Andere erfand nichts, er setzte um, was Männer wie Heinrich entwickelt hatten. Er passte es an, die Bedürfnisse kannte er wie kein Zweiter, er konnte verkaufen. Wie eine Lawine rollten die Dollars, immer mehr Dollars von seinen, Heinrichs, Glühbirnen in die Fabriken des Anderen.

Was der auch anfasste, wurde zu Gold.

Was Heinrich berührte, zerfiel zu Staub.

Weil du immerzu nur grübelst, klagte Sophie, abends im Bett, wenn sie die Öllampe gelöscht hatten. Bis Amerika bin ich dir gefolgt, wie elend mir war, auf der Überfahrt, wie ich die Heimat vermisse, die Nachbarn, den Wald. Hier gibt es nichts als enge, übervölkerte Straßen, Dreck und Gestank. Keiner kennt uns, niemand versteht uns. Was machen wir hier? Nur damit du dem trüben Bauernvolk entkommst. Damit deine Ideen endlich etwas gelten. In Amerika: Amerika, das Neuerungen liebt. Amerika, wo es auf Pioniergeist ankommt, nicht auf Stand, Vermögen oder Herkunft.

Ich habe dir den Gefallen ja gerne getan, aber was hast du daraus gemacht? Du verkaufst immer noch Uhren. Sicher, wir haben ein Geschäft, aber vom Trödeln bist du doch nicht weggekommen. Oder hast du schon vergessen, wie du jeden Abend mit dem Pferdewagen durch die engen, übervölkerten Gassen gefahren bist, solange du die Kraft noch hattest, um den Leuten für ein paar Pfennig einen Blick durch dein Fernrohr zu verkaufen? Drängeln musstest du, dich an dem Volk vorbeizwängen, das wie Ameisen durch die übelriechenden Straßen wimmelt, Arbeiter und Händler, die ihre Lasten durch die Straßen schleppen, schieben, im Karren hinter sich herziehen, sich dabei gegenseitig behindern, Bettler in zerrissenen Kleidern, oft ohne Schuhe, den Blick in die Gosse gerichtet, auf der Suche nach Krumen, die dabei abfallen mögen. Ameisen, was sag' ich, eben nicht wie Ameisen, dann wäre es ja geordnet. Ihre Kinder spielen im Dreck, wenn sie nicht gerade stehlen. Was soll daran besser sein, als zu Hause über die Felder von Hof zu Hof zu fahren mit Blick auf den grünen Wald, der nach Blumen und Kräutern riecht, nicht nach Jauche und Qualm? Zu Hause, wo wir einen Kirschbaum hatten, einen Hof, Tiere und Nachbarn, die uns verstehen?

Weil Sie ein Idealist sind, sagte der Mann von der Lampenfabrik. Ihnen ist die Erkenntnis selbst genug. Sie denken nicht an Profit. Und so haben Andere die Früchte Ihrer jahrelangen Forschungen geerntet, ihrer sorgfältigen Experimente, Ihres Erfindergeists.

Der Andere hatte sich der Früchte seiner Arbeit bemächtigt.

Heinrich, der Grübler, musste handeln, endlich.

Heinrich, der Idealist, musste praktisch denken, seine Ideen vor den Institutionen dieses großen Landes verteidigen. Nicht einmal aufgehoben haben Sie Ihre Erfindung, tadelte der Mann von der Lampenfabrik. Zum Glück hat Ihr Sohn eine der Lampen behalten, zum Spielen, als er ein Junge war. Hier sehen Sie, die hat er mit in die Fabrik gebracht. Damit haben Sie Ihre Pferdewagen beleuchtet, vor dem Krieg, Sie erinnern sich doch? Wenn Sie nachts durch die Straßen der Lower East Side fuhren, vielleicht zum Washington Square, um die Menschen durch Ihr Fernrohr blicken zu lassen, riesengroß war das, fünf, sechs Meter lang, so etwas hatte hier noch nie jemand gesehen. Ihre Erfindung! Selbst entwickelt, selbst gebaut. Ich habe mich umgehört, Mister Göbel, Sie sind hier überall bekannt. Noch heute nennt man sie den Fernrohr-Mann. Sie sind von technischen Neuerungen fasziniert. Und Sie wollen die Menschen daran teilhaben lassen. Geld zu verdienen, dafür haben Sie sich nie interessiert. Ein Idealist, ein wahrer Idealist sind Sie.

Heinrich sah die spärlich beleuchteten Gassen seines Viertels bei Nacht, die neugierigen Passanten, Kinder, die sich um seinen Wagen drängten, wenn er mit seiner kraftvollen Stimme von damals, bärenstark war er gewesen, sein Fernrohr anpries. Wie sie geglänzt hatten, die Kinderaugen, wie die Sterne, die sie träumten von Nahe zu sehen.

Ja, ein Idealist, wahrscheinlich war es so.

Andererseits, hatte er nicht Geld dafür genommen?

Der Mann von der Lampenfabrik hob abwehrend beide Hände. Mister Göbel! Henry, wenn ich mir das erlauben darf. Die paar Cents, Klimpergeld, das ist doch nicht der Rede wert.

Idealist. Keine praktische Veranlagung. Deswegen hatte der Andere seine Erfindung für sich in Anspruch nehmen können. Ein Vermögen hatte der angehäuft, sich einen Namen gemacht, weltweit. Doch damit sollte jetzt Schluss sein. Sie würden Zeugen anrufen. Viele Zeugen. Alle, die ihn damals gesehen hatten, wie er nachts sein Fernrohr zur Verfügung gestellt hatte, damit die Leute die Sterne sehen konnten, für ein geradezu lächerliches Entgelt. Ob Heinrich nicht ein paar Freunde und Nachbarn finden könnte, die davon erzählen wollten? Der Mann von der Lampenfabrik würde alles aufschreiben, die Zeugen bräuchten nur noch ihre Unterschrift darunterzusetzen. Mündliche Aussagen sind fürs erste nicht nötig, die Verhandlungsführung ist schriftlich. Höchstens eine Handvoll Aussagen in Person, von sprachgewandten Leuten, um das Gericht zu beeindrucken, mehr nicht.

Ein Idealist war er gewesen, sein Leben lang. Deswegen hatte Sophie diese Entbehrungen auf sich nehmen müssen. Deswegen hatte er in einem kleinen Geschäft gestanden, Uhren und optische Geräte repariert, als hätte er Deutschland nie verlassen.

Auf der anderen Seite, immerhin, ein eigenes Geschäft. Die Leute waren zu ihm gekommen. In Deutschland hatte er mit dem Pferdewagen von Hof zu Hof fahren müssen. Meilenweit.

 

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