Heinrich und das Licht

„Frau Hüper!“

Der hagere Mann, der seinen Pferdewagen vor dem Hof gehalten hatte, war vom Kutschbock aufgesprungen. Überschwänglich winkte er mit seinem Hut.

„Guten Tag Frau Hüper!“

Ob Mechthild Hüpers Nicken den Hühnern galt, denen sie Futter ausstreute, oder dem Ankömmling, war nur schwer zu deuten.

Blass, dachte sie, eingefallene Wangen. Nur der Blick glänzt. Als wenn er Fieber hätte.

„Sie müssen sich das ansehen, Frau Hüper. Ich habe Ihnen eine Dielenuhr mitgebracht. Aus England.“

Mechthild durchmaß mit schnellen Schritten den Hof, bei eins griff sie in ihre Schale, bei drei warf sie Körner aus. Ohne ihren Rhythmus zu unterbrechen, blickte sie dem weiten Bogen hinterher, den das Getreide in der Luft beschrieb, nahm Maß für den nächsten Wurf. Keuchend versuchte Heinrich, mit ihr Schritt zu halten.

„Mit einer Messingverzierung oben, wie eine Krone. Ja wie ein König sieht sie aus. Wie ein König, der Hannover und England zugleich regiert. Eine englische Standuhr aus Mahagoniholz, so etwas gibt es sonst nur in den vornehmsten und gebildetsten Kreisen von Hannover.“

„Unsere Uhr ist gut, westfälische Arbeit“, sagte Mechthild teilnahmslos. „Ein Erbstück“

„Natürlich ist sie gut. Aber Sie müssen morgens um fünf raus, um sie aufzuziehen, Frau Hüper. Jeden Morgen. Und am Nachmittag gleich noch einmal. Die englische Uhr geht acht Tage lang. Ein Acht-Tage-Gang! Denken Sie doch nur daran, wie das Ihr Tagewerk erleichtern wird.“

„Ich muss morgens sowieso früh raus, die Kühe melken.“

„Jede gewonnene Minute zählt, Frau Hüper, bei einer Frau, die so schwer arbeiten muss wie Sie. Und außerdem, können Sie überhaupt noch zählen, wie oft ich das Uhrwerk reparieren musste in den vergangenen Monaten?“

„Richtig. Das wollte ich Sie schon lange fragen: Beherrschen Sie eigentlich Ihr Handwerk nicht?“

Göbel ließ beide Arme sinken.

„Frau Hüper! Wo wir schon so lange zusammenarbeiten. Landauf, landab repariere ich die Uhren von Bauern und Handwerksleuten. Wer mich kennt in der Gegend, der lässt niemanden sonst an seine Uhr, das wissen Sie so gut wie ich. Die Arbeiten aller großen Uhrmacher sind mir geläufig, nicht nur aus Deutschland, auch aus England, aus Frankreich und aus Holland. Alle neuen Entwicklungen verfolge ich. Ja, ich leiste selbst meinen bescheidenen Beitrag dazu, mache Versuche mit einem Professor aus Hannover, habe ich Ihnen davon schon erzählt? Wir entwickeln eine neue Unruh, und das Räderwerk wollen wir auch verbessern, es stärker machen, damit es länger hält. Wenn wir das schaffen, dann müssen Sie nur noch einmal die Woche aufziehen, wie bei einer englischen Uhr mit Acht-Tage-Gang. Und fahrende Uhrmacher brauchen Sie dann gar nicht mehr bei sich zu empfangen. Stellen Sie sich vor Frau Hüper, dann sind Sie mich los.“

„Professor, Professor. Professor aus Hannover. Professor Münchhausen wohl!“

„Sie sind voller Misstrauen, Frau Hüper“, rief Göbel vorwurfsvoll. „Ihre Uhr muss ich immer wieder reparieren, weil Sie mir nie erlauben wollen, die alten Räder auszutauschen. Wie oft habe ich Ihnen das schon erklärt. Sie müssen die neue Zeit hereinlassen in Ihre gute Stube, neue Metalle, verbesserte Elemente. Sicher, das kostet. Aber eine Frau wie Sie, Frau Hüper, mit so einem Hof, mit einer so reichhaltigen Ernte, die wird doch nicht geizen wollen, wenn es um ihre Bequemlichkeit im Heim geht. Kommen Sie, Frau Hüper, kommen Sie. Einen Blick müssen Sie doch drauf werfen, auf die schöne Uhr. Damit Sie wenigstens wissen, was Ihnen entgeht. So ein Schmuckstück, fein gearbeitet, voller Eleganz. Aus England, ich sagte es ja bereits. Sie glauben nicht, wie gut das zu Ihnen passen würde. Kommen Sie.“

Mechthild zog widerwillig ihren Arm zurück, an den Göbels Ellenbogen seine Einladung gerichtet hatte. Die leere Schale für das Hühnerfutter fest umklammert folgte sie ihm zu seiner Kutsche.

Göbel stieg auf den Wagen und zog eine Dielenuhr aus Mahagoni hervor, schlicht und schlank. An den oberen vier Ecken rakten Messingstäbe hervor, die oben von einer Kugel abgeschlossen waren.

„Unsere Uhr tut ihren Dienst.“ Mechthild wandte sich ab und ging zurück ins Haus.

„Aber Frau Hüper“, rief Göbel, während er keuchend versuchte, die Standuhr aufzurichten. „Natürlich haben sie eine gute Uhr. Es ist doch nur wegen der Bequemlichkeit. Weil Sie die Uhr aus England nicht so oft aufziehen müssen. Und falls Sie Ihre Stube mal neu schmücken wollten, mit der liebevollen Hand der Hausherrin.“

„Unsere Uhr bleibt“, rief Mechthild, ohne sich umzudrehen.

„Wenn wir unsere Verbesserungen des Uhrwerks vollendet haben, der Professor und ich, dann komme ich wieder“, rief Göbel. „Dann rüsten wir Ihre schöne, westfälische Dielenuhr auf, damit Sie es bequemer haben, nicht jeden Tag aufziehen müssen. Und Reparaturen sind dann auch nicht mehr so oft nötig. Oder wir tauschen erst einmal den Schnurzug gegen Schwarzwälder Ketten und Kettenräder aus. Dann ist schon viel gewonnen.“

Die Hühner pickten ungerührt ihre Körner weiter.

Mechthild war längst zurück in ihrer Küche.

 

 

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