Heinrich und das Licht

Was war so schlecht an seinem kleinen Geschäft in der Lower East Side, wo seine Nachbarn sich an ihn wandten, um ihre Uhren reparieren zu lassen, optische Geräte zu erwerben? Kunden aus ganz New York kamen zu ihm. Und wenn sie aus ganz New York kamen, dann hieß das, sie kamen aus der ganzen Welt.

Sophie seufzte. Weil deine Kinder in einer beengten Wohnung groß geworden sind, in einem dreckigen Stadtteil. Enge Gassen, gedrängte Häuser und Menschen, überall Menschen. Menschen verschiedener Herkunft, Menschen aus Ländern, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, Menschen, die einander nicht verstehen, suchen ihren Platz, wo keiner ist, schlagen sich um ein kleines Stück vom Glück. Und in diesem Kampf hast du dich nicht durchgesetzt, Heinrich. Deine Töchter haben nicht gut geheiratet, dein Sohn ist einfacher Arbeiter in einer Fabrik.

Aber war Henry Junior nicht technischer Leiter?

Bis nach Amerika mussten wir, klagte Sophie. Fern der Heimat, in dieser fremden, gedrängten Stadt. Kein Wald, keine Tiere im Hof, kein Kirschbaum, nur enge Mietskasernen. Menschen, überall Menschen, Händler, Arbeiter, Gaukler, Dirnen, Betrüger und Diebe, Rauch und Gestank.

Heinrich sah seinen Pferdewagen wieder, sein Fernrohr, im New Yorker Himmel die Sterne. Das Licht, das auf die glühenden Kindergesichter fiel. Seine Glühbirne! Nicht die des Anderen.

Andererseits, hatte es nicht gezittert das Licht? Im Wind der New Yorker Nacht?

Technische Unsauberkeiten, sagte der Mann aus der Lampenfabrik. Was erwarten sie? Eine revolutionäre Erfindung ohne jeden Fehl und Tadel? Und überhaupt – nichts ist so trügerisch wie die Erinnerung. Zum Glück können wir helfen, wir haben eine Stütze für Ihre Erinnerung. Nein, Henry, Sie müssen sich keine Vorwürfe machen. Das alles ist Jahrzehnte her, sie haben ein stolzes Alter erreicht. Niemand erinnert sich am Ende eines so langen, produktiven Lebens an alle Details.

Aber hier, sehen Sie. Das wird Ihnen helfen. Hundertsiebenundzwanzig Zeugnisse. Ihre Freunde haben für sie ausgesagt, Ihre Bekannten, Passanten, zufällige Kunden von damals, ihre Familie. Sie alle können sich erinnern, hell und klar. Sie erinnern sich an Ihre Glühlampe, Mister Göbel, die Sie entwickelten, lange bevor dieser Geschäftemacher sich auf Ihre Idee stürzte. Auf Ihre Erfindung. Und was für eine Erfindung! Wir dürfen das nicht zulassen, dass er das einfach so an sich reißt.  Den Hals will er uns abschneiden, angeblich hätten wir sein Patent verletzt, aber mit Lizenzgebühren gibt der sich nicht zufrieden. Der will uns gleich die Produktion verbieten, Henry, der will unsere Haut.

Doch wir wehren uns. Wir werden das richtigstellen. Vor Gericht. Jawohl, vor Gericht hat er uns gezerrt, dieser gierige Kerl, der den Hals nicht vollkriegen kann. Aber wir werden obsiegen. Und dann ernten Sie endlich die Früchte Ihres Erfindergeists und Ihrer harten Arbeit. Ihren Sohn haben wir gut bei uns in der Firma untergebracht. Für Sie werden wir auch etwas Passendes finden. Das wird Ihnen helfen, Henry, Ihren Lebensabend erleichtern. Vielleicht können Sie aufs Land ziehen, in ein größeres Haus. Na, wäre das nichts?

Sollen wir denn für nichts und wieder nichts in dieses stinkende Sündenbabel gekommen sein, klagte Sophie abends im Bett. Die Tochter eines Ackerbürgers bin ich, auf einem großen Hof mit Hühnern und Schweinen aufgewachsen, mit einer schönen, geräumigen Stube. Und jetzt sieh dir an, wie ich hier leben muss.

Also ging Heinrich vor Gericht.

 

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