Heinrich und das Licht

Ich kenne Henry Göbel seit vielen Jahren. Meine Eltern wohnten nebenan in der Monroe Street. Als Kind spielte ich mit den Söhnen, Arthur und John. Ich erinnere mich gut, wie ihr Vater vor dem Krieg durch die Straßen unseres Viertels fuhr, im Pferdewagen, er hatte ein Fernglas dabei. Den Sternenmann, so nannten wir Kinder ihn. Er verkaufte einen Blick auf die Sterne. Und auch sein Wagen war beleuchtet, als hätte er die Sterne vom Himmel geholt, seinen Wagen damit geschmückt. Es war kein gewöhnliches Licht, keine Öllampe, es zitterte nicht. Beständig war es, von Wind und Wetter ungerührt. Wie Sterne. Es glänzte und strahlte. Wie Sterne. Ein Wunder war es, so etwas hatten wir noch nie gesehen. Elektrisches Licht. Ein strahlender Stern in einem Glas. Magische Kindheitserinnerung, so etwas vergisst man nicht.

Mister Göbel, sagte der Mann von der Lampenfabrik. Wenn sich nun all diese Leute an Ihr elektrisches Licht erinnern können, dann liegt die Sache doch ganz klar. Wie gesagt, nichts ist trügerischer als die Erinnerung. Und dass Sie einmal etwas vergessen, in Ihrem Alter. So viel wie Sie im Kopf haben, Ihre Forschungen, Ihre Experimente, die Versuche. Das ist ganz normal, Henry. Ach, was sage ich, das adelt Sie! Und wir haben es doch Schwarz auf Weiß, schon Ihr Lehrer hat es gesagt. Sie sind ein erfinderischer Geist, Henry. Schon immer gewesen, von frühester Kindheit an.

Wenn Heinrich so recht darüber nachdachte, dann stimmte es doch. Er war erfinderisch. Vergesslich, aber erfinderisch. Vielleicht hatte der Mann von der Lampenfabrik recht. Vielleicht gehörte das zusammen. Sein ganzes Leben lang hatte er experimentiert und versucht, die Dinge zu ergründen, zu verbessern. Schon als kleiner Junge hatte er immer alles nachvollziehen wollen. Ob man Frösche wirklich aufblasen konnte, wie einen Ball, zum Beispiel. Auch nach dem großen Umzug nach Amerika hatte er seine Uhren weiterentwickelt wie vorher in Springe, nicht Springer. Wann immer sein kleines Geschäft ihm Zeit ließ, hatte er seine Versuche fortgesetzt, an dem Acht-Tage-Gang gearbeitet, es wäre ihm schon noch gelungen. Er stand kurz vor dem Durchbruch, da kamen sie mit ihren Patenten.

Das hilft nichts, Henry, an etwas zu arbeiten, was es schon gibt. Damit kannst du kein Geld verdienen. Du brauchst etwas Neues. Etwas, was es noch nie zuvor gab. Wir leben in Amerika, im Zeitalter des Fortschritts. Eine Neuerung brauchst du, die patentierst du, und dann müssen sie alle zahlen. Jeder, der das produziert, muss zahlen. Damit wirst du reich.

Das hatte Johannes Kappeler beim Abendessen gesagt. Der war schon viel länger in Amerika, jahrzehntelang. Der wusste Bescheid.

Ich habe es dir doch immer gesagt, klagte Sophie, später im Bett. Du grübelst und grübelst, immerzu grübelst du, schraubst und fingerst, guckst durch deine Vergrößerungsgläser, und am Ende kommt doch nichts dabei heraus. Weil du nie darauf achtest, was wichtig ist, was uns weiterbringen könnte. Ein Patent brauchst du, das ist es. Sonst kommst du nie zu etwas. Wir bleiben kleine Insekten in einem übervölkerten Ameisenhaufen. Insekten, die jederzeit zertrampelt werden können, von den großen Tieren. Oder von einem Haufen der kleinen, die sich zusammentun. Und dafür haben wir die Heimat verlassen? Den Wald? Die Ruhe? Die Tiefe?

Von diesem Tag an, hatte er nur noch an Patenten gearbeitet. Kein Fortschritt mehr ohne Patent. Neu musste es sein, noch nie dagewesen, alles andere brachte kein Geld. Und damit auch keinen Frieden beim Einschlafen.

 

A+ A-
DE