Heinrich und das Licht

Als die Leute aus der Lampenfabrik zu ihm in den Laden kamen, in der John junior arbeitete, da sollte endlich alles anders werden. Sie hatten Schwierigkeiten, die Kohlefäden an den Zuleitungsdrähten ihrer Lampen zu befestigen. Da kamen sie auf ihn, Heinrich, den erfinderischen Geist aus Springe. Oder Springer, Germany, wenn sie es denn unbedingt so wollten. Sie brauchten ihn, seine geschickten Uhrmacherhände, um die kleinen Klemmen herzustellen, die Kohlefaden und Zuleitungsdraht zusammenhalten konnten, fest und sicher. Und Heinrich half. Er klemmte, erst in ihrer Fabrik, dann zu Hause. Die Lampen der Firma brannten und Göbels Einnahmen stiegen. Als wieder ein irischer Nachbar aus dem Haus an der Monroe Street wegzog, mietete Heinrich ihre Wohnung für die ständig wachsende Kinderschar. Nun war es nicht mehr so eng und Sophie würde endlich zufriedener sein.

Wie kannst du unterschreiben, dass all deine Erfindungen ihnen gehören, schimpfte Sophie vorm Einschlafen. Immer bist du mit den Gedanken bei deinen Versuchen, nie denkst du an deine Familie, unser Wohlergehen, unsere Zukunft. Kappeler hat es dir doch gesagt, du musst ein Patent anmelden, nur so kannst du Geld verdienen. Wenn du so ein großer Erfinder bist, wie kannst du dich mit deinem kleinen Gehalt bei der Lampenfabrik zufriedengeben? Sollen wir denn ganz vergebens die Heimat verlassen haben?

Also unterschrieb Heinrich nicht. Er ging zu Kappeler.

Du bist erfinderisch, Heinrich. Die elektrische Klingel, die du für deinen Laden gebaut hast, beeindruckend. Das Fernrohr auch, mit dem du durch die Straßen gezogen bist, die Leute begeistert hast, Groß und Klein. Und die Wachspuppe für den Zahnarzt, so kann er endlich seinen Patienten den Unterschied klarmachen, zwischen einem Mund mit Gebiss und einem ohne. Ein wahrer Erfinder bist du. Wir tun uns zusammen, Heinrich, das machen wir. Deine Erfindungen verwerten wir. Einen Kapitalisten nehmen wir noch mit ins Boot, vielleicht, aber diese Firma, die deinen Sohn verpflichtet hat, bekommt davon nichts.

Heinrich entwickelte die Geißlerpumpe weiter, um besser ein Vakuum in Glaskörpern zu erzeugen, und meldete ein Patent an.

Kappeler zahlte.

Sophie klagte.

Heinrich verfeinerte die Klemmen zur Befestigung der Kohlefäden und meldete ein Patent an.

Kappeler zahlte.

Sophie klagte.

Heinrich führte seine Glühlampe in den Straßen von New York vor. Wir müssen Kapitalisten anlocken, Heinrich, hatte Kappeler gesagt. So verwertet man Patente. Du erfindest etwas, etwas Neues, Revolutionäres, was noch niemand vor dir entwickelt hat. Dann kommen die Kapitalisten und zahlen. Sie kaufen dein Patent und bringen die Erfindung an den Markt. Dafür bekommen sie Anteile, verdienen an jeder Glühbirne, die dank deiner Erfindung verkauft wird. So wie ich. Wir finanzieren dich, als Gegenleistung verdienen wir mit.

Für ihre Vorführung brauchten sie einen Dynamo, 150 Dollar. Kappeler, Heinrichs Finanzier, zahlte.

Da schauspielerst du in den Straßen, wie ein Gaukler, klagte Sophie, und am Ende will es doch niemand kaufen.

Zwei Artikel haben sie über uns geschrieben, sagte Kappeler. Das ist ein Anfang, Heinrich. Darauf kann man aufbauen. Die Konkurrenz ist groß. Man braucht Geduld, wenn man einen Durchbruch erzielen will.

Da sehen Sie, Henry, sagte Jahre später der Mann aus der Lampenfabrik, bevor der Prozess begann. Ein Artikel in der New York Times, einer in der Post, das beweist doch eindeutig, dass Sie der Erfinder, der Glühbirne sind. Sie waren zu unerfahren, kannten die Sprache nicht recht, die Sitten des Landes, deswegen haben sie es versäumt, ein Patent anzumelden, in den frühen Tagen. Jetzt sind die Jahre ins Land gegangen, sie erinnern sich nicht mehr recht. Ganz natürlich. Zum Glück haben wir Ihre Lampen gerettet, damit lässt sich alles beweisen.

Mein Name ist Abraham Miller. Ich kann mich an Henry Göbel gut erinnern, aus der Zeit vor dem Krieg. Abends fuhr er mit seinem Pferdewagen durch das Viertel um die Monroe Street, wo ich damals bei einem Fleischer arbeitete. Oft hielt er am Washington Square. Sie nannten ihn den Fernglasmann, er verkaufte einen Blick durch sein Teleskop auf den Sternenhimmel über New York, immer umringt von einer Traube von Schaulustigen, Kindern vor allem. Sein Wagen war mit einer Öllampe beleuchtet. Mit elektrischem Licht sicher nicht. Das hätte ich mir gemerkt.

 

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