Heinrich und das Licht

Einige Wochen nach der Vorführung kam er zu Heinrich ins Geschäft, der Kapitalist, auf den Kappeler und er gewartet hatten. Er hatte den Artikel in der New York Times gelesen, wollte alles wissen über die Lampe, was es zu wissen gab. Ob Heinrich allein daran gearbeitet hatte, unabhängig von dem Anderen, vielleicht sogar vor ihm. Dann ließe sich etwas daraus machen, dann wäre die Firma des Anderen bereit zu zahlen, damit sie stillhielten, Heinrich und der Kapitalist.  Der Kapitalist, der lang Ersehnte, Heinrichs Mäzen, klopfte ihm auf den Rücken, sein Gönner. Sein Finanzier.

Heinrich hörte Zahlen, Geld, Geld zahlen, er hörte Stillhalten, Stille. Ruhe. Er hörte Ruhe. Ja er hörte Ruhe, sie drang förmlich in sein Ohr. Ruhe wie im Wald. Springe, zu Hause, der Wald, die Ruhe, auf einmal ganz nah. Da war er sich plötzlich sicher, dass er schon Jahre an der Glühbirne arbeitete. Nicht nur ein paar Jahre, viele Jahre. Sehr viele, Jahrzehnte vielleicht.

Natürlich Jahrzehnte, sagte Sophie abends im Bett. Seit ich dich kenne schraubst du und drehst, versuchst und experimentierst, kannst über nichts Anderes reden. Nur Ergebnisse haben wir noch nicht gesehen. Wann kommt der Kapitalist? Wann zahlt er? Wann ziehen wir endlich aufs Land? Mit eigenen Hühnern im Garten, vielleicht sogar Schweinen und einem Pferdewagen.

Heinrich verkaufte dem Kapitalisten eine Option auf die Verwertung seiner Erfindungen für 500 Dollar. Sein Kohlefaden musste schon geglüht haben, als der Andere seine Erfindung vorstellte, wenn man alles bedachte. Nur warum er kein Patent angemeldet hatte, damals, bei dieser wichtigen Erfindung, daran konnte sich Heinrich einfach nicht mehr erinnern.

Weil dir jeder Sinn für das Praktische fehlt, sagte Sophie abends im Bett. Selbst zu dem Umzug mit dem Geschäft in die Grand Street musste Kappeler dich förmlich zwingen. Und wie recht er gehabt hat, dass hier die Geschäfte besser laufen würden. Dabei war das doch klar, hier gibt es viel mehr Laufkundschaft. Dass du nicht von selbst darauf gekommen bist.

Der Kapitalist wollte eine der Lampen, die Heinrich schon lange vor dem Anderen gebaut hatte. Wenn sie nur den Beweis hätten, dann wäre ihr Stillhalten dem Anderen viel wert.

Vertrösten musst du ihn, drängte Sophie vorm Schlafengehen. Und die Lampen finden. Du musst sie finden. Wenn dein Schrauben und Versuchen uns nun endlich Glück bringen soll, dann willst du es doch nicht an einer kleinen Lampe scheitern lassen. So klein, dass du früher damit unsere Wanduhr beleuchtet hast. Ich erinnere mich ganz genau.

Heinrich vertröstete den Kapitalisten. Der verlängerte seine Option für 475 Dollar um ein weiteres Vierteljahr.

Aber was, wenn er dir nun wirklich hilft, rief Sophie, schreckte Heinrich auf, er war gerade eingeschlafen. Dann musst du alles mit Kappeler teilen. Alles, was du verdienst. Wie konntest du das nur unterschreiben? Da hast du nun versucht und experimentiert, jahrzehntelang, wann immer wir etwas Geld übrighatten, hast du das für deine Schraubereien ausgegeben. Und jetzt, wenn du endlich etwas damit verdienen kannst, da gibst du die Hälfte weg?

Acht Wochen klagte Sophie so.

Dann ging Heinrich zum Notar.

Er verlangte die Herausgabe des Dokuments, das er mit Kappeler unterschrieben hatte, riss es an sich, las, ohne den Mantel auszuziehen, einmal, ohne sich hinzusetzen, zweimal, dreimal.

Es war, wie Sophie es gesagt hatte. Kappeler bekam die Hälfte von allem. Von allen Erträgen, die aus Heinrichs Erfindungen entstanden, aus Heinrichs Schweiß, aus Heinrichs Blut. Von Heinrichs Haus auf dem Lande bekam er die Hälfte, von Heinrichs Ruhe, von Heinrichs Frieden, von Heinrichs Schlaf.

Ich heiße Mary McDonnell. Wir haben zwanzig Jahre lang mit den Göbels in einem Haus gelebt. Unsere Kinder haben miteinander gespielt. Wir kennen uns gut. Henry Göbel ist ein sehr gebildeter, Mann. Vertrauenswürdig. Und klug. Er war immer damit beschäftigt, Versuche durchzuführen, unsere Nähmaschinen hat er verbessert. Mein verstorbener Mann hat immer gesagt, Henry Göbel von nebenan, der kommt eines Tages noch ganz groß raus. Ganz früher, in den fünfziger, sechziger Jahre muss das gewesen sein, vor dem Krieg, da fuhr er oft mit einem Pferdewagen durch unsere Straßen. Er zeigte den Leuten sein Fernrohr. Riesengroß war das. Meine Söhne durften ab und zu da durchgucken. Damit siehst du die Sterne ganz nah, Mutter, sagte mein Ältester. Du denkst, du könntest sie berühren. Aber stehengeblieben sind die Leute wegen des Lichts. Seine elektrischen Lampen. Ich weiß nicht, wie er das gemacht hat, ich bin eine einfache Frau. Aber an die Menschentrauben um seinen Wagen herum, daran kann ich mich erinnern. Die wollten einen Blick auf seine Lampen erhaschen, so etwas hatte noch niemand gesehen, damals.

Selbst wenn Heinrich sie jetzt fände, die Lampe von damals, was half ihm das dann? Sicher, der Kapitalist würde sich darauf stützen können, um die Früchte seiner Arbeit zurückzufordern. Aber es wäre ja doch nur ein Teil, eine magere Entschädigung, verglichen mit dem Profit, den der Andere daraus gezogen hatte. Der hatte ein ganzes Unternehmen darauf aufgebaut, ein Imperium, hatte Kapital eingesetzt, das musste entlohnt werden. Die Firma des Anderen würde Heinrich abfinden, mit einem Bruchteil dessen, was sie verdient hatte, damit Heinrich sich abfinden konnte damit, dass der Andere ihm zuvorgekommen war, obwohl der doch die Lampe erst viel später entwickelt hatte. Von dieser Abfindung würde dann der Kapitalist seinen Teil fordern für seine Vermittlungsarbeit, seine Verhandlungen mit dem Widersacher. Und wenn dann also noch weniger übrig war, nichts, im Vergleich mit dem, was der Andere mit Heinrichs Erfindung verdient hatte, dann wollte Kappeler kommen und seinen Teil fordern.

Jetzt, da Heinrich endlich darauf hoffen konnte, Sophie zu entschädigen für die Entbehrungen, all die Jahre, und auch die Kinder, die schlecht geheiratet hatten, denen es an einem standesgemäßen Beruf fehlte, weil er seine Familie, immer vernachlässigt hatte aus Liebe zu Wissenschaft und Technik. Jetzt, da er also kurz davorstand, den Opfern seiner Leidenschaft den Anteil zukommen zu lassen, der ihnen gebührte, jetzt forderten alle anderen ihren Teil. Leute, mit denen er nichts zu tun hatte, außer dass er ihr Kapital angenommen hatte. Und übrig blieb nichts. Nichts, was Henry junior über das Uhrengeschäft in der Grand Street hätte hinausheben können. Nichts, was der kleinen Elisabeth eine bessere Ehe gesichert hätte als ihren älteren Schwestern.

So dachte Heinrich, als er das Abkommen las, das Kappeler und er beim Notar geschlossen hatten, vier Mal, schweigend, fünf Mal, zitternd, sechs Mal, ohne sich hinzusetzen, sieben Mal, ohne den Mantel auszuziehen, bis er nicht mehr zählen konnte.

Heinrich las das Abkommen und er dachte an Sophie, an ihre Klagen, er dachte an die Lampe, die er nicht finden konnte. Er dachte an Ruhe, an Frieden vorm Einschlafen, auch den fand er nicht.

Er zitterte.

Schließlich zerriss er das Papier, ließ es auf den Boden fallen, und er verließ das Büro. Zu dem Notar sagte er kein Wort.

 

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