Das Duell

Fünf Kinder waren wir in einem großen Haus am Deister.

Am liebsten streunten wir durch den Wald, alle zusammen. Wenn unsere Mutter es erlaubte, nahmen wir auch den kleinen Oskar mit, unser Prinzchen im Bollerwagen. Tandaradei, als unsere Welt zusammenbrach, war er gerade drei.

Unser Großvater besaß ein Rittergut. Und doch zogen wir, um Fehde zu spielen, am liebsten zur Hallermundsburg. Die war mehrere hundert Jahre älter. Und sie war bis auf die Grundfeste abgetragen, trug die Spuren von Gewalt und Zerstörung, ohne die eine Fehde keine Fehde ist.

Johannes und ich, wir waren die Grafen Spiegelberg. Helene reiste mit Heinrich durch das Gebiet um die Burg, manchmal zu Fuß und manchmal zu Pferde. Die beiden bewunderten die Schönheit der Bäume. Sie lauschten dem lieblichen Gesang der Vögel, freuten sich auf das, was sie an ihrem Reiseziel erwartete. Und wir überfielen sie. Das war unser Geschäft, das täglich Brot unseres Geschlechts, das edel war und doch in Geldnöten. Teure Kreuzzüge, schlechtes Wirtschaften auf unseren Ländereien, vermutlich ließen sich auch die Lehnsabhängigen nicht mehr so leicht ausbeuten wie früher.  Deswegen beraubten wir bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Durchreisenden in dem Gebiet um unsere Burg all ihrer Habe. Nicht mehr als das nackte Leben ließen wir ihnen. Im Wald da sind die Räuber. Niemand bekam uns je zu fassen, denn keiner kannte den Wald so gut wie wir. Und doch wusste jeder, wer wir waren.

Als Angst und Schrecken, die wir verbreiteten, zu groß wurden, riefen die Bürger der umliegenden Städte die Welfen zu Hilfe, ein mit uns tief verfeindetes Adelsgeschlecht. Dann kreuzten wir unsere Schwerter aus Buchenstämmen, jagten uns gegenseitig über den Hallermundskopf, bis wir alle kampfunfähig waren. Oskarchen, der Bollerwagenprinz, jubelte und klatschte in die Hände. Am Ende unterlagen Johannes und ich, das musste so sein, so stand es in den Büchern.

Wenn der Kampf vorüber war und wir Raubritter besiegt, wurde Helene, die Welfin, zu Helene, der Friedensrichterin. Sie nahm ein Beil, schritt schweren Schrittes um unsere Burg, ließ den Blick aufmerksam über die Mauern gleiten, als suchte sie nach einer verborgenen Inschrift, einem geheimen Schatz, Vollkommenheit vielleicht. Wir hielten die Luft an. Bis Helene stehen blieb, kurz die Augen schloss, als müsste sie sich tief konzentrieren. Dann holte sie weit aus und schlug das Beil in unsere Burgmauern.

Das war das Zeichen dafür, dass die Schleifung beginnen konnte. Unsere feste Burg, ein guter  Wehr. Dahin. Stein für Stein trugen die Bürger der umliegenden Städte, deren Zorn wir mit unseren Raubzügen auf uns gezogen hatten, unser Heim und unsere Festung ab.

Kein Feuer, verfügte Helene-Richter, alles Material bleibt auf dem Anwesen, keine Plünderungen. Eine Schleifung streng nach den Regeln des Sachsenspiegels.

Der Sachsenspiegel war der Ursprung des Rechtsstaates. Unsere Mutter hatte uns das beigebracht.

Unser Vater, der Jurist, brachte uns nichts bei.

Er ging in der Stadt seinen Amtsgeschäften nach und trank.

Er traf seine Bundesgenossen vom Corps und trank.

Er feierte die Feste seiner weitverzweigten Familie, und er trank.

Meine Mutter hatte viel Zeit zu lesen. Paulinchen war allein zu Haus. Und uns zu unterrichten.

Helene machte das Wissen, das unsere Mutter uns vermittelte, nutzbar für uns. Bürger von Springe, rief sie, auf einem Baumstamm balancierend, am Hallermundskopf. Bürger von Münder, von Hameln und von Hildesheim. Sobald Ihr die Festungsmauern abgetragen habt, nehmt die Spaten und pflügt den Boden um. Keine Rache. Es geht darum, den räuberischen Grafen Spiegelberg das Handwerk zu legen, nicht mehr und nicht weniger. Haltet Euch an Recht und Gesetz.

Wir folgten ihr, denn an Helenes Autorität gab es keinen Zweifel.

Wenn wir zu müde für Fehden waren, spielten wir Ritterfeste. Unter den linden, an der heide, dâ unser zweier bette wâs. Helene war die Minnesängerin. Abends am Kaminfeuer, wenn meine Mutter Onkel Oswald Gedichte vorlas, dann durfte Helene manchmal zuhören. So war sie Walther von der Vogelweide begegnet. Wir Kleineren verstanden nichts von Lyrik, auch nichts von Liebe. Was unser zweier bette wâs war uns gleichgültig, doch das schadete dem Minnegesangstheater nicht. Helene gab uns präzise Anweisungen, was unsere Rollen waren. Heinrich musste weinen, so bitterlich wie möglich. Johannes und ich erhoben uns von den Baumstümpfen, auf denen wir Helene-Walther gelauscht hatten und klatschten stürmisch Beifall.

Was uns allen an Walther und seinem Liebesbett unter Linden gefiel, das war das Tandaradei.

Tandaradei, riefen wir, wenn wir beim Fechten mit unseren Buchenstöcken dem Gegner einen gefährlichen Stoß versetzt hatten.

Tandaradei, hallte es durch den Wald, wenn wir nach langem Suchen ein besonders raffiniertes Versteck eines unserer Geschwister entdeckt hatten.

Mit Haselsträuchern berührten wir die Kaulquappen, die wir in Waldbächlein und Tümpeln gefangen hatten. Tandaradei, es sei ein Frosch dabei. Wir wollten quakende Frösche in dem kleinen Teich hinter dem Haus unserer Eltern. Deswegen fingen wir Kaulquappen im Wald und siedelten sie bei uns an.

Wenn es klappt, zaubern wir nochmal, sagte Johannes. Dann bekommen wir einen Prinzen.

Nicht eine Kaulquappe verwandelte sich augenblicklich in einen Frosch, wenn wir sie mit unserem Strauch berührten. Und noch viel weniger erschien ein Prinz. Doch wir waren überzeugt, dass die glitschigen, schwarzen Fische es nur unserem Tandaradei zu verdanken hatten, dass ihnen allmählich Beine wuchsen. Unser Zauber war es, der es ihnen erlaubte, dem trüben Gewässer hinter dem Haus unserer Eltern zu entkommen. Um ein freies Leben zu führen, an einem klaren, lustig plätschernden Waldbächlein.

Johannes schwor, dass ganz besonders erlesene Frösche sich weiter entwickelten. Sie wurden zu Männern, so groß und stark und schön, wie man sie noch nie gesehen hatte. Dann zogen sie aus, um ein Schloss zu erobern und eine schlafende Prinzessin dazu. Tandaradei. 

 

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