Das Duell

Bei meinen Eltern nebenan, auf der anderen Seite des Hofes, wohnte Onkel Oswald. Er kam oft zu Besuch.

Wenn unser Vater mit den Männern trank, die zusammen mit ihm in der nahegelegenen Stadt das Sagen hatten, war Onkel Oswald bei uns. Er ließ Oskarchen auf seinen Knien reiten.  Kleiner Prinz auf Onkels Schoß. Wenn er fällt, dann schreit er.

Wenn unser Vater auf einem anderen Rittergut mit seinen Brüdern und Vettern trank, war Onkel Oswald bei uns. Er las uns Max und Moritz vor.  Aber wehe, wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe.

Wenn unser Vater mit seinen Corpsbrüdern von der Glorie alter Mensuren schwärmte und trank, war Onkel Oswald bei uns. Er saß am Kamin, und hörte meiner Mutter beim Klavierspiel zu.

Wenn unser Vater doch einmal zu Hause war, zog er sich mit Onkel Oswald in das Raucherzimmer zurück und sie tranken. Irgendwann hörte man unseren Vater singen.

Warum singt nur Vater, fragte ich.

Er hat mehr getrunken, sagte unsere Mutter.

Sie klärte die Bevölkerung in der nahe gelegenen Stadt über die gesundheitsschädlichen Folgen des Alkohols auf. Mit den Männern besprach sie die Gefahren durch Trunkenheit bei körperlicher Arbeit. Den Frauen brachte sie bei, Wasser abzukochen, anstatt den Kindern aus Angst vor Durchfallerkrankungen Bier zu geben. Nur meinen Vater klärte sie nicht auf. Oder wenn sie es versuchte, dann zeigte es jedenfalls keine Wirkung.

Warum trinkt er so viel, fragte ich.

Vielleicht will er fliehen, sagte unsere Mutter. Vielleicht kommt er sich unbedeutend vor, als Landrat, neben seinem Vater, dem Minister a.D., dem großen Sozialreformer. Davor will er vielleicht fliehen. Sie strich mir über das Haar. Nur Vermutungen.

Er hätte besser den Geschichten meiner Mutter zuhören sollen als zu trinken. Dann hätte er den modrigen, stehenden Gewässern um unser Haus entkommen können. Um ein freies Leben zu führen, an klaren Waldbächen, wie die Kaulquappen, und voller Abenteuer. Wie wir Kinder.

Wir wussten nichts davon, dass unser Leben gegen die ungeschriebenen Gesetze verstieß, die außerhalb des Waldes galten. Dass Onkel Oswald die königliche Domäne nebenan bestellen durfte, und mehr nicht. Dass er seine Kompetenzen überschritt, wenn er uns auf seinen Knien reiten ließ, wenn er uns Märchen erzählte, wenn er meiner Mutter zuhörte. Vor allem dann.

Für uns fühlte sich alles natürlich an, wie es war. Gut und richtig. Doch in den Augen, der Männer, die in der nahegelegenen Stadt mit unserem Vater zusammen das Sagen hatten und tranken, war Oswald von Falkenhagen ein Raubritter vom Schlage der Grafen Spiegelberg. Einer der Ihren hatte dem benachbarten Domänenpächter sein Heim geöffnet, einem Jüngeren, Geringeren. Und der hatte es sich genommen. Frau und Kinder, sein Hab und sein Gut.

Das konnte so nicht stehen bleiben. Strafe muss sein. Das machten die Männer klar, die in der nahegelegenen Stadt zusammen mit meinem Vater das Sagen hatten. Er wollte Flucht und sie tranken mit ihm. Doch entkommen ließen sie ihn nicht

Also kam mein Vater nach Hause und schrie. Er schrie und sein vom Alkohol geröteter Kopf wurde noch roter dabei, seine Halsschlagader trat blau hervor. Er warf mit Büchern auf meine Mutter, mit Geschirr, mit Möbeln. Und er brüllte. Deine Brut, er warf sie zu Boden, er würgte sie, er schlug ihr ins Gesicht, bis Blut aus ihrer Nase floss.

Er stürzte sich auf Oskar.

Da war meine Mutter schneller, sie schnappte sich den Jungen, alles besorgt und bereit, rief uns zu, wir sollten ins Lesezimmer laufen. Vielleicht waren wir in der Gefahr so flink wie Rehe, weil wir im Wald zu Hause waren. Sicher hatte auch der Schnaps meinen Vater weder geschickter, noch schneller gemacht. Auf jeden Fall gelang es uns allen, rechtzeitig ins Lesezimmer zu schlüpfen. Meine Mutter schloss von innen ab, bevor mein Vater anfing, zuerst mit den Fäusten und später mit Stühlen und anderen, schwereren Gegenständen gegen die Tür zu trommeln. Sie war aus massiven Eichenholz. Deutsche Eiche. Sie hielt.

Turnen, meine Kinder, keuchte meine Mutter, die Turnerin war. Und niemals ein Korsett.

Mein Vater trommelte gegen die deutsche Eiche, die ihm so lieb und teuer war, die er so inbrünstig besang, wenn er getrunken hatte. Hure, schrie er. Hexe. Meine Mutter schob mit unserer Hilfe eine Kommode vor die Tür.

Bis irgendwann Stille eintrat. Plötzlich.

Totenstille.

Wir müssen hier weg, sagte meine Mutter. 

Wir schoben die Kommode zurück an ihren Platz. Meine Mutter ließ Pferde anspannen. Hals über Kopf, ohne Gepäck, fuhren wir zum Bahnhof und weiter mit dem Zug nach Leipzig zu Tante Ursula.

 

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