Das Duell

Aus jenen Tagen sind mir vor allem die Farben in Erinnerung geblieben. Das Blau der Halsschlagader auf dem dunkelroten Hals meines Vaters. Der weiße Schnee, der auf den grauen Mantel meiner Mutter fällt, als Sie am Gartentor steht und Onkel Oswald zuhört. Er hatte an der Tür geklingelt, bei Tante Ursula und Onkel Karl.

Der kommt mir nicht ins Haus, schreit Onkel Karl. Also sagt Onkel Oswald meiner Mutter, was er ihr zu sagen hat, am Gartenzaun. Er redet auf sie ein, ringt mit den Händen, er rauft sich die Haare. Er fällt auf die Knie, lässt den Kopf sinken, als wollte er ihn im Schnee vergraben. Etwas schüttelt seinen Körper, den Rumpf, die Beine, den Kopf, es muss gewaltige Kräfte haben. Meine Mutter hilft ihm auf. Als sie wieder ins Haus tritt, ist ihr Gesicht so weiß wie der Schnee draußen vor der Tür.

Duell. Sie sagt es deutlich, ein Missverständnis ist nicht möglich. Tod. Und doch ohne Ton. Adolf ist tot.

Tonlos wie Onkel Karls Geschrei, das dann einsetzt, nur leiser.

Es dauert nicht lange, bis er sie mit seinem tonlosen Geschrei aus seinem Haus jagt.

Uns Kinder brachten sie auf das Gut unseres Großvaters. Unsere unverheirateten Tanten mussten uns bei sich aufnehmen. Tante Emmi und Tante Sophie. Sie bewohnten gemeinsam ein kleines Haus auf dem Gut.

Die Angst stand ihnen ins Gesicht geschrieben, als man uns bei ihnen ablieferte.

Ich spreche wieder, wenn wir zurück zu Mutter dürfen, sagte Helene. Sie redete nur mit uns. Und nur über das Duell. 

Schusswechsel auf fünfzehn Sprungschritt. Jeder hatte einen Sekundanten.  Das wussten wir aus den Zeitungen, die in das Haus der Tanten kamen. Und von dem Getuschel auf dem Hof.

Wir konnten nicht aufhören, es nachzuspielen. In der guten Stube unserer Tanten. Uns zum Spielen in den Wald zu lassen, oder auch nur auf den Hof, kam ihnen nicht in den Sinn. Im Wald da sind die Räuber.

Der Unparteiische muss zählen, erklärte Helene. Eins, zwei, drei, halt! Bis „halt“ darf man schießen.

Mit dem vierzehnten Sprungschritt landete Heinrich in der Anrichte. Er rollte sich zwischen Splittern der Glastür auf dem Boden, hielt seine blutende Nase, als die Tanten in der Tür standen. Tante Emmi zerknüllte ihr besticktes Taschentuch. Tante Sophie weinte.

Am nächsten Tag duellierten wir uns wieder.

Wir setzten Oskar auf einen Stuhl nicht weit von der Schusslinie. Er sollte der Unparteiische sein.  Mama, schrie er. Bestand auf Parteinahme. Mama!

Er kann sowieso nicht der Unparteiische sein, sagte Johannes. Er kann ja gar nicht zählen.

Eins, zwei, drei, halt!

Oskarchen wälzte sich auf dem Boden.

Mama!

Da standen die Tanten wieder in der Tür.

Mit einem feindseligen Blick auf die Eindringlinge nahm Helene Oskar auf den Arm. Sein Schluchzen wurde leiser. Dass nur mein Prinzchen nicht schreit. Ebenso schnell, wie sie gekommen waren, zogen sich die Tanten wieder zurück.

Vielleicht brauchen die Mädchen ein Puppenhaus, hörten wir Tante Sophie im Korridor wispern.

Zinnsoldaten für die Jungen, zischte Tante Emmi.

Dann ist Oskar eben Sekundant, sagte Helene. Du musst nichts machen. Du stehst einfach neben mir und guckst. Das kannst du ja.

Dann legte sie los. Es ist eine Frage der Ehre, Herr von Falkenhagen. Sie waren Gast in meinem Haus, rief sie donnernd. Mein Vertrauen haben sie missbraucht, meinen Kindern haben sie Märchen erzählt. Frivolitäten mit meiner Frau. Ich bin hier der Herr im Haus!

Ich streckte meinen Arm in ihre Richtung aus, kniff ein Auge zu, zum Zielen. Mein Zeigefinger zeigte auf Helene. Direkt auf ihr Herz.

Du zielst nicht auf den Gegner, wies Helene mich an. Du willst mich gar nicht treffen. Du willst in die Landschaft schießen. Du zitterst. Es geht um Leben und Tod.

Ich bewegte den Zeigefinger in Richtung des Klaviers.

Oder auf meine Beine, sagte Helene.

Ich richtete meinen Zeigefinger auf Helenes rechtes Knie.

Du weißt es nicht. Du willst mich nicht töten. Aber damit das aufhört, muss ja einer kampfunfähig sein. Das sind die Regeln.

Ich kniff die Augen noch mehr zusammen.

Unparteiischer, rief Helene herrisch, zähl!

Eins, flüsterte Heinrich. Zwei.

Ich habe dir vertraut. Helene brüllte wie ein waidwunder Eber. Brüllte wie unser Vater, als er im Wohnzimmer über uns hergefallen war. Nimm das. Für deine Frivolitäten. Mit meiner Frau.

Jetzt begann ich wirklich zu zittern. Am ganzen Körper. Es ging um Leben und Tod.

Drei.

Eine Kugel zischte durch die stickige Luft der guten Tantenstube.

Kläglich wimmernd brach Helene zusammen. Sie hielt sich den Bauch.

Halt, rief Heinrich. Leni. Vater!

Mama, schrie Oskar. Er kniff die Augen zusammen und heulte.

Ich rannte mit vorgestrecktem Zeigefinger auf die Anrichte zu, rammte meine Pistolenhand mit aller Kraft in die Glastürhälfte, die Heinrichs vierzehnten Sprungschritt heile überstanden hatte.

Sie zersprang klirrend. Ein beträchtlicher Teil des Porzellans in der Anrichte zersprang auch. Das gute Tantenporzellan.

In meinem Handgelenk pulsierte ein stechender Schmerz, auch mein Kopf pulsierte.

Einen Moment lang herrschte Stille. Totenstille.

Dann standen die Tanten wieder in der Tür.

Das Service, rief Tante Sophie.

Der Teppich, schrie Tante Emmi.

Lilli, rief Helene.

Unter meiner pulsierenden Faust hatte sich eine Blutlache gebildet.

Das kann doch nicht, stammelte Tante Sophie, wir können nicht. Wir können das nicht. Elisabeth muss die Kinder wieder nehmen.

Elisabeth hieß unsere Mutter. Elisabeth, Lilli. Ich war nach ihr benannt.

Etwas riss an meinem Zopf, so stark, dass ich das Pulsieren in Faust und Kopf vergaß. An den Haaren schleife ich sie zurück zu diesem verkommenen Weibsbild, presste Tante Emmi durch ihre zusammengebissenen Zähne. Soll sie sich doch selbst um ihre Brut kümmern. Das musste ja so kommen.

 Aber wehe, wehe, wehe...

Immerzu lesen, studieren. Als Frau! Sie denkt, sie kann sich alles herausnehmen. Und wir sollen es ausbaden. Was haben wir mit all dem zu schaffen?

Tante Emmi kam nicht weit mit ihrem Anliegen. In ihrer guten Stube schubste Helene sie, schlug auf sie ein, bis sie von meinem Zopf abließ. Auch draußen vor der Tür stand niemand auf ihrer Seite. Die Verwandtschaft auf dem Gut nicht, die Männer, die in der nahegelegenen Stadt das Sagen hatten, nicht, nicht das Gericht und schon gar nicht die Öffentlichkeit.

Eine Frage der Ehre, keinen Zweifel ließen die Zeitungen daran. Unser Vater hatte nicht anders handeln können. Die eigentlich Schuldige war unsere Mutter mit ihrer üppigen Schönheit, einige Jahre älter als Onkel Oswald dazu. Dem hatte ein Mann wie er nicht widerstehen können, da waren sich Anklage und Verteidigung einig.

Doch meine Mutter war nicht satisfaktionsfähig. Mit einer Frau ließ sich die Wiederherstellung verlorener Ehre nicht aushandeln. Sie konnte auch keine Schuld büßen. Deswegen blieb den Männern nichts anderes übrig, als im Morgengrauen im Wald aufeinander zu schießen. Versöhnung ausgeschlossen. Onkel Oswald hatte nach der ersten Runde darum ersucht, sein Sekundanten sollte bei unserem Onkel Rudolf vermitteln. Abgelehnt. Keine Verhandlungen. Es wurde weitergeschossen, bis mein Vater in den Darm getroffen war, tödlich. Onkel Oswald musste in Festungshaft. Fünf Jahre, mehr nicht. Denn die eigentlich Schuldige war meine Mutter.

Nichts rief so viel Grauen und Schaudern in den Zeitungen hervor wie die Vorstellung, meine Mutter könnte sich weiterhin um uns Kinder kümmern. Deswegen kam Tante Emmi nicht weit, als sie mich an meinem Zopf zurück zu unserer Mutter zerren wollte. Erst mussten sie den Arzt rufen, weil ich ohnmächtig geworden war. Dann lehnte die Familie ihren Antrag auf Befreiung von ihrer Ledigen-Tantenpflicht ab.

Das Malheur in der guten Stube war nicht groß genug. Es war ein Malheur das zu lösen so klar in den Aufgabenbereich der ledigen Tanten fiel, dass eine Entbindung von dieser Pflicht nicht in Frage kam. Wir wiederholten es mehrfach, bis sie uns zum Duell auf den Hof schickten. Die anderen Gutsbewohner beschwerten sich, und da mussten wir wieder in der guten Tantenstube kämpfen. Uns in den Wald zu lassen, kam ihnen nicht in den Sinn. Im Wald da sind die Räuber.

Es reichte nicht aus, dass Oskar schrill nach unserer Mutter schrie, sich auf dem Boden wälzte. Stundenlang. Tag für Tag. Dass nur mein Prinzchen nicht schreit. Ihr müsst ihn hochnehmen, befahl Helene, brach ihren selbstauferlegten Redebann. In den Arm. Singen. Tante Sophie wollte es versuchen. Doch Oskar trat nach ihr mit aller Kraft, die in seinem kleinen, dreijährigen Körper steckte. Trotzdem, befahl Helene. Oskar versteifte seine Muskeln, machte sich flach wie ein Brett. Als es der Tante doch gelang, ihn mit ihren dünnen Armen in die Höhe zu heben, biss er in ihre Hand. Dass nur mein Prinzchen nicht schreit. Diesmal schrie die Tante schrill. Und  lief weinend aus dem Zimmer.

Auch dass Oskar jede Nacht das Bett nässte, reichte nicht aus.

Die Tanten schrieben Briefe, sie ersuchten um Unterredungen bei den Familienoberhäuptern, legten ihren Standpunkt dar. Doch ihr Anliegen fand kein Gehör. Sie hassten uns und wir hassten sie. Und doch kamen nur sie dafür in Frage uns großzuziehen, nachdem unser Vater und Onkel Oswald bei Morgengrauen im Wald aufeinander geschossen hatten.

Von unserer Mutter sahen wir nichts als die Sehnsucht in ihren Briefen.

Seid artig, schrieb sie. Spielt Verstecken im Haus, wenn Ihr nicht in den Wald dürft. Aber vorsichtig. Zerstört nichts. Bittet die Tanten, euch Geschichten zu erzählen. Gebraucht Eure Vorstellungskraft.

Wir schossen weiter, bis alle tödlich getroffen waren.

Heinrich begann sich auch in der Schule zu duellieren. Johannes verweigerte nicht nur Raufereien, sondern auch friedfertiges Spiel jeglicher Art. Beim Gehen blickte er auf die Fußleiste, zur Not eine imaginäre. Er vermied es zu sprechen so gut er konnte.

Ich riss der Puppe, die uns die Tanten zur Beruhigung gegeben hatten, die Arme aus. Helene verweigerte die Stickereien, die man ihr antrug. Wenn sie nachts nicht schlafen konnte, ribbelte sie die Arbeiten der Tanten auf. Nur so. Um sich abzulenken.

Tante Emmi bekam Migräne und zog sich in ihr abgedunkeltes Zimmer zurück, wenn sie nicht im Haus eines ihrer Brüder talentlosen und unmotivierten Nichten Französisch- oder Klavierunterricht geben musste. Wegen ihrer hysterischen Weinkrämpfe konnte Tante Sophie diese Aufgaben nicht mehr übernehmen. So gut sie konnte, vermied es die Familie sie einzuladen.

Oskar blieb Bettnässer, bis er vierzehn war. Er war nicht einmal fünf Jahre lang trocken, dann fiel er, in den letzten Kriegstagen. Dass nur mein Prinzchen nicht schreit. Wenn ich an ihn denke, sehe ich ein weites, kahles Feld, irgendwo im Norden von Frankreich, vielleicht auch Belgien. Keine Stadt in der Nähe, kein Dorf, auch kein Wald, nicht einmal eine Hecke. Wenn sich der dichte Nebel mühevoll von der nassen Erde hebt, sieht man sie liegen, Oskar und die anderen.

Zusammengekrümmt, alle Gliedmaßen ausgestreckt, bäuchlings, rücklings, auf der Seite, mit dem Gesicht in der kalten, nassen Erde, ganz oder auch nur halb, wenn der Kopf leblos zur Seite gefallen ist. Einige Gesichter sind in den Himmel gerichtet, mit weit aufgerissenen Augen, manchmal liegen sie alleine da, ohne den Körper, der zu ihnen gehörte. Aber nicht Oskar. Oskar nicht. Ich versuche mir vorzustellen, dass Oskars Kopf fest auf seinen Schultern sitzt.

Krähen haben auf Körpern und Köpfen Platz genommen, hacken ihre langen Schnäbel hinein. Eins, zwei, drei, halt! In den Pausen richten sie ihren teilnahmslosen Blick in den Dunst, schlucken vermutlich.

Oskars Hosen sind nass und ich weiß, das kommt nicht nur von der Erde.

 

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