Das Duell

Unsere Mutter sahen wir erst wieder, als wir erwachsen waren. Als uns niemand mehr davon abhalten konnte, sie in Leipzig zu besuchen. Sie hatte lange in einem Sanatorium für ansteckende Krankheiten gearbeitet und irgendwie war es ihr gelungen, von ihrem spärlichen Verdienst Geld für ihr Klavierstudium zurückzulegen. Jetzt studierte sie und unterrichtete.

Sie mietete eine kleine Mansardenwohnung in der Innenstadt. Mein Herz klopfte bis zum Hals, als wir die Treppen hochstiegen.

Die Frau, die in der Tür mit einem beinahe schüchternen Lächeln auf uns wartete, war klein und dünn, ihre Haare von grauen Strähnen durchzogen. Meine Mutter war groß und schön und stark. Üppige Schönheit, frivol, verführerisch, in allen Zeitungen hatte es gestanden. Selbst die von ihrem Äußeren enttäuscht gewesen waren, das Alter beklagt hatten, das man ihr bereits ansah, die züchtige Kleidung, die Trauer, selbst die hatten ihr interessantes Gesicht gelobt.

Die Frau, die in der Tür mit einem beinahe schüchternen Lächeln auf uns wartete, war blaß, die Ringe unter ihren Augen fast schwarz. Sie wirkte zerbrechlich.

Die Frau, die in der Tür mit einem beinahe schüchternen Lächeln auf uns wartete, war nicht meine Mutter.

Ich brachte kein Wort heraus.

Meine Mädchen, sagte die kleine, blasse Frau, die nicht meine Mutter war. Sie ergriff meine rechte Hand und die Linke von Helene. Wie schön Ihr seid. Kommt rein

Sie servierte uns Kaffee an ihrem winzigen Esstisch, die Sonne fiel durch das kleine Dachfenster. Sie saß gerade, ihre Stimme war melodisch, ihre Bewegungen hatten Energie, etwas hatte sie von meiner Mutter. Doch sie blieb klein und dünn und blaß und zerbrechlich. Sie war nicht meine Mutter.

Helene schien sich nicht daran zu stören. Sie begann zu erzählen. Von ihrem Traum zu studieren, Medizin am liebsten. In Freiburg nehmen sie jetzt Frauen auf, sagte sie.

Meine kluge Tochter, sagte die kleine, blasse Frau, die nicht meine Mutter war. Ich bin stolz auf dich.

Helene erzählte von meinen Zeichnungen. Ich sprach nicht gerne, beinahe wie Johannes. Onkel Gustav sagt, sie ist begabt. Er bringt ihr Bildhauerei bei, sagte Helene. Jetzt wollen sie aber, dass sie das Lehrerinnenexamen macht.

Natürlich, sagte die kleine, blasse Frau, die nicht meine Mutter war. Ein Beruf ist wichtig. Du brauchst einen Beruf. Aber erst musst du auf die Kunstschule. Nach Weimar. Sprich mit Onkel Gustav, ich bin mir sicher, er wird dir helfen.

Sie fragte nach unseren Brüdern.

Diesmal blieb Helene stumm. Also erzählte ich. Knapp und präzise. Von Heinrichs Raufereien, von Johannes Schweigen und von Oskars nassem Bett. Vielleicht wollte ich die kleine, blasse Frau, die nicht meine Mutter war, herausfordern. Sehen, was sie aushalten konnte. Ob die Energie in ihren Bewegungen echt war oder ob sie bei der kleinsten Erschütterung von ihr abfallen würde.

Sie hielt den Kopf gesenkt. Als sie wieder aufsah, wirkten die Ringe unter ihren Augen noch tiefer. Schwärzer.

Sie hätten mich nicht schlimmer bestrafen können, als mir euch Kinder zu nehmen, aber ich beklage mich nicht. Nicht für mich, sagte sie. Vielleicht ist es verdient, ich weiß es nicht. Aber Ihr. Warum Ihr? Warum müsst Ihr so leiden? Ihr könnt doch gar nichts dafür.

Weil sie sich nicht an den Sachsenspiegel gehalten haben, dachte ich im Treppenhaus. Die kleine, blasse Frau, die nicht meine Mutter war, beugte sich oben über das Geländer. Sie winkte uns.

Das Duell zwischen Oskar von Falkenhagen und meinem Vater war eines der letzten, die in Deutschland stattfanden. Nicht nur die Vorstellung, meine Mutter könnte sich nach diesem Skandal weiter um uns Kinder kümmern, hatte die Öffentlichkeit entsetzt. Auch Familien ihrer Väter zu berauben kam ihr barbarisch vor, Eltern ihrer Söhne, deren Ausbildung so kostspielig gewesen war, so viele Opfer gefordert hatte. Und dass alles nur, weil zwei Männer das Gesetz in die Hand nehmen wollten. Selbst konservative Reichstagsabgeordnete beklagten, dass die Frauen, um die es dabei ging, wie unmündige Kinder behandelt wurden.

Doch das hielt sie nicht davon ab, Feuer zu legen, als sie unsere Burg schliffen. Und alles, was sie fanden, zu plündern.

 

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