Brodsky, Liebe und Vergessen

Als die sowjetischen Behörden den russischen Dichter Joseph Brodsky 1972 ins Exil zwangen, beendeten sie für immer seine wechselvolle Liebesbeziehung zu der Malerin Marina Basmanova. Zwar waren die beiden bereits vorher mehrfach auseinandergegangen, nicht zuletzt aufgrund einer Dreiecksbeziehung mit einem Freund und Dichterkollegen Brodskys, doch erst die Trennung durch das Exil besiegelte endgültig das Ende der Beziehung. Mit dem gemeinsamen Sohn blieb Marina Basmanova zurück in St. Petersburg. Brodsky verbrachte den Rest seines Lebens in Amerika. Die beiden sollten sich nie wieder sehen.

Möglich, dass es dieses Schicksal ist, dem wir eines der schönsten Gedichte über die Liebe und die Sehnsucht nach einem verlorenen Menschen verdanken.

A song

I wish you were here, dear, I wish you were here.
I wish you sat on the sofa
and I sat near.
The handkerchief could be yours;
the tear could be mine, chin-bound.
Though it could be, of course,
the other way around.

I wish you were here, dear,
I wish you were here.
I wish we were in my car,
and you'd shift the gear.
we'd find ourselves elsewhere,
on an unknown shore.
Or else we'd repair
To where we've been before.

I wish you were here, dear,
I wish you were here.
I wish I knew no astronomy 
when stars appear,
when the moon skims the water

that sighs and shifts in its slumber.
I wish it were still a quarter
to dial your number.

I wish you were here, dear,
in this hemisphere,
as I sit on the porch
sipping a beer.
It's evening, the sun is setting;
boys shout and gulls are crying.
What's the point of forgetting
If it's followed by dying?

Joseph Brodsky

 

I wish you were here, dear, I wish you were here.

Ich wünschte du wärst hier, meine Geliebte, ich wünschte, du wärst hier. Mit diesem Seufzer der Sehnsucht beginnt das Gedicht. Der Geliebte ist von seiner Geliebten getrennt, oder vielleicht ist es umgekehrt, vielleicht wünscht sich die Geliebte ihren Geliebten herbei. Verbirgt sich hinter “my dear” mein Lieber, meine Liebe, mein Geliebter oder meine Geliebte? Wir wissen es nicht. Auch was die beiden trennt, bleibt im Dunkeln. Hat sie ihn verlassen? Er sie? Er ihn? Oder sie sie? Ist einer von beiden gestorben? Musste sie die Flucht ergreifen? Vor politischen Gegnern vielleicht? Vor ihrer Familie oder vor seiner? Vor rachsüchtigen Geschäftspartnern? Wir wissen es nicht, werden es nie erfahren. Es ist letztlich auch völlig unerheblich, was die beiden trennt. Entscheidend ist nur das Beieinandersein, das Miteinander, das sie durch diese Trennung verloren haben.

I wish you sat on the sofa, and I sat near.

Ich wünschte, Du säßest auf dem Sofa und ich bei dir. Sie sitzt auf dem Sofa, er sitzt neben ihr. So alltäglich dieses Bild scheinen mag, so vollkommen stellt es die Nähe dar, die das Paar durch die Trennung verloren hat. Diese Nähe und Vertrautheit drückt sich im Beieinandersitzen aus, doch sie beschränkt sich nicht darauf.

The handkerchief could be yours; the tear could be mine, chin-bound.

Das Taschentuch könnte deins sein und die Träne zum Kinn wäre mein. Er vergießt eine Träne. Vielleicht weint er wegen der bevorstehenden Trennung, oder es gibt noch einen ganz anderen Grund zu trauern. Letztlich spielt das keine Rolle. Wichtig ist nur, dass sie ein Taschentuch bereithält, wenn er es benötigt.

But of course it could be the other way around.

Doch natürlich könnte auch andersherum sein. Ihre Träne könnte zum Kinn fließen, er könnte das Taschenbuch bereithalten. Althergebrachte Rollenbilder spielen keine Rolle in der Liebe. Wichtig ist nur, dass der geliebte Mensch da ist, neben einem sitzt, sein Taschenbuch reicht, wenn es sonst nur noch Trauer und Verzweiflung gibt. Und dass man selbst, wenn man liebt, neben dem Geliebten sitzen würde, wenn er weinen muss, das Taschentuch jederzeit zur Hand. Das ist das Wesen der Liebe, des Füreinanderdaseins. Geht einem dies verloren, dann gibt es nur noch diesen Seufzer der Sehnsucht, der sich zu Beginn eines jeden Verses wiederholt.

I wish you were here dear, I wish you were here.

Ich wünschte Du wärst hier, mein Geliebter, ich wünschte, du wärst hier. Der Geliebte fehlt und er wird immer fehlen, denn es gibt unendlich viele alltägliche und außergewöhnliche Erlebnisse, die das Paar nun nicht mehr teilen kann.

I wish we were in my car, and you'd shift the gear.

Ich wünschte, du wärst in meinem Auto und säßest am Steuer. Bei den täglichen Autofahrten fehlt dem Dichter die Geliebte. Einfach so, weil es schöner wäre, würde er dort nicht alleine sitzen, wenn ihn jemand unterhalten könnte, ein wenig zerstreuen, erheitern, auf der Fahrt zur Arbeit oder in die Stadt. Oder wenn er einfach nur ihren Atem hören könnte. Aber nicht nur das, sie fehlt auch deswegen, weil nun niemand mehr außer ihm selbst am Steuer sitzen kann, weil ihm niemand bei der Entscheidung hilft, wohin die Reise gehen soll.

We' d find ourselves elsewhere, on an unknown shore.

Wir würden uns anderswo wiederfinden, an unbekannten Ufern. Wenn die Liebenden noch gemeinsam reisten, dann könnten sie gemeinsam Entdeckungen machen, ausreißen, anderswo hin, sich an fremden Ufern niederlassen, wiedergeboren werden, gemeinsam, indem sie zusammen Neuland erobern. Jetzt, da er nicht mehr Auto sitzt, wohin auch immer sie fährt, ist all das nicht mehr möglich. Natürlich könnte sich einer alleine aufmachen, unbegleitet zu neuen Ufern aufbrechen. Auch in Entdeckungen, die man alleine macht, liegt der Reiz des Neuen. Doch was nicht mehr möglich ist, ist diesen Zauber zu mehren, ihn dadurch erst am ganzen Leibe, mit der ganzen Seele zu spüren, dass man ihn mit dem geliebten Menschen teilt.

Or else we'd repair, To where we've been before.

Oder wir würden uns einfach dorthin zurückziehen, wo wir vorher waren. Doch auch das ist dem Liebespaar nicht mehr möglich, gemeinsam die Geborgenheit des Bekannten und Vertrauten zu suchen, wenn den beiden danach ist. Auch das Alte, Altbekannte hat einen besonderen Reiz, wenn man es mit einem geliebten Menschen teilt. Und weil das nicht mehr möglich ist, bleibt nur noch, der immer wiederkehrende Seufzer:

I wish you were here,dear, I wish you were here.

Ich wünschte, du wärst hier, Geliebter, ich wünschte du wärst hier, dieser Seufzer, der das Gedicht als Leitmotiv durchzieht. Oder vielleicht sollte man eher von einem Leidmotiv sprechen, denn Sehnsucht und Trennungsschmerz lasten schwer auf den sich immer und immer wieder wiederholenden Worten. Diese Wiederholung steht für die Unabänderlichkeit, die Schicksalshaftigkeit der erlittenen Trennung. Ganz gleich wie schön die Bilder des Beisammenseins sind, die der Dichter malt. Immer wieder muss er zu der Erkenntnis zurückkehren, dass ihm nur noch Erinnerungen und Träume bleiben. Seine Gefährtin ist nicht mehr bei ihm.

I wish I knew no astronomy, when stars appear.

Ich wünschte, ich hätte wüsste nichts über Astronomie, wenn die Sterne aufgehen. Trotz allem übt die Liebe eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf die Dichterin aus, denn erst sie bringt den Zauber aller Dinge, die Schönheit der Natur, richtig zum Vorschein. Um das noch einmal erleben zu können, geht sie so weit, sich von der Wissenschaft loszusagen, ihr Wissen und ihre Kenntnisse darüber aufgeben zu wollen. Denn dann würde sie ungestört von allem Wissen die Magie des Augenblicks genießen können, wenn die Sterne am Himmel erscheinen und sie sie noch einmal gemeinsam mit dem Geliebten betrachten könnte. Oder halt, vielleicht ist gerade dies das Einzige, was die beiden wirklich noch gemeinsam erleben. Auch wenn sie auf unterschiedlichen Kontinenten leben, getrennt von Ozeanen und Gebirgen, die Sterne können sie gleichzeitig betrachten und damit auch irgendwie beisammen sein.

When the moon skims the water that sighs and shifts in its slumber.

Wenn der Mond über das Wasser gleitet, das sich in seinem Schlummer regt und. seufzt. Wenn sich also der Mond nachts in einem scheinbar schwarzen Gewässer spiegelt, dann wünscht er sich, es gäbe kein Wissen über den Himmel und seine Gestirne, denn in diesem Moment, möchte man sich nur der Schönheit dieses Bildes hingeben, den sanften Regungen des Wassers, dem leisen Plätschern, das einem Seufzer gleicht. Jenem Seufzer vielleicht, den er selbst ausstößt, wenn er immer und immer wieder, Vers für Vers, nach der Geliebten ruft.

I wish it were still a quarter, to dial your number.

Ich wünschte ich bräuchte immer noch nur einen Groschen, um deine Nummer zu wählen. So lyrisch die Träumereien unglücklich Liebender sein mögen, so handfest sind die Schwierigkeiten, wenn sie viele tausende von Kilometern voneinander getrennt sind, einander wenigstens vorübergehend näher zu kommen, die Stimme des anderen zu hören. Oder jedenfalls waren diese Schwierigkeiten einmal schier unüberwindlich, als ein Ferngespräch kaum einzurichten war. Und wenn es doch gelang, dann war es für viele nicht bezahlbar. Kaum mehr vorstellbar in Zeiten der Internettelefonie. Doch auch in diesen Zeiten gibt es noch Münztelefone, die plötzlich nicht mehr zur Verfügung stehen, wenn Liebende sich voneinander trennen oder getrennt werden.

I wish you were here, dear, in this hemisphere.

Ich wünschte du wärst hier Geliebter, in diesem Erdteil. Diesmal wiederholt sich es sich nicht, das Leidmotiv, stattdessen mündet es schon nach dem ersten Aufseufzen in einen Paukenschlag. Die Liebenden sind so weit voneinander getrennt, dass sie nicht einmal in dem gleichen Erdteil leben. Oder jedenfalls trennt sie so vieles, dass es so gut ist, als lebten sie in unterschiedlichen Hemisphären. Mit einem einfachen Münztelefon können sie sich nicht anrufen, sie können sich nicht besuchen, vielleicht wäre sogar Schreiben vergeblich. Sie sind füreinander unerreichbar.

As I sit on the porch sipping a beer.

Während ich auf den Treppen zur Haustür sitze, in der Hand ein Bier. Dass sie hier wäre, und nicht in einer anderen Hemisphäre, nicht in einem anderen Erdteil, das wünscht er sich, während er vor der Tür sitzt, die Straße betrachtet, vielleicht mit einem Nachbarn plaudert. Drinnen sollte sie sein, im Haus. Kartoffeln schälen in der Küche oder einen Brief schreiben, ein Buch vielleicht. Auf jeden Fall sollte es so sein, dass sie jeden Moment vor die Haustür treten könnte, ein Bier in der Hand, sich zu ihm setzen. Doch da ist sie nicht. Sie ist weit weg. Münztelefonunerreichbar.

It's evening, the sun is setting; boys shout and gulls are crying.

Es ist Abend, die Sonne geht unter, Jungen rufen und Möwen schreien. Das ist es, was sie sieht, während sie mit ihrem Bier in der Hand auf die Straße blickt. Das ist es, was sie mit ihm teilen könnte, wäre er drinnen im Haus und nicht weit weg. Der Sonnenuntergang, das Rufen spielender Nachbarjungen, das Schreien der Möwen. Nun kann sie die Schönheit dieses Abends nur noch mit sich selber teilen.

What's the point of forgetting. If it's followed by dying?

Wozu soll das Vergessen gut sein, wenn der Tod darauf folgt? Das ist der letzte Seufzer, der letzte Aufschrei in diesen Versen der Sehnsucht. Denn natürlich gibt es ein Leben nach der Trennung, ein Leben nach dem Schmerz, ein Leben nach der ungestillten Sehnsucht. Die Zeit heilt alle Wunden, sagt der Volksmund, und so abgedroschen dies klingen mag, so klischeehaft, so viel Wahres liegt doch darin.

Auch die leidenschaftlichste Liebe, den tiefsten Schmerz, vermögen wir hinter uns zu lassen. Fast immer kommt jemand anderes, der uns auf den Treppen vor dem Haus Gesellschaft leistet, auch wenn wir es immer für unvorstellbar gehalten hätten, dass der geliebte Mensch ersetzbar sein könnte. An Krankheiten gewöhnen wir uns, an den Tod unserer Lieben, an zerstörte Träume.

Doch diese Fähigkeit zu vergessen, um weiterleben zu können, hat ihren Preis. Der Mensch, der wir waren, als wir liebten, der Mensch, der wir waren, als wir gesund waren, der Mensch, der wir waren, als unser Traum, dessen Erfüllung wir für lebenswichtig hielten, noch erreichbar schien, dieser Mensch können wir nicht bleiben, wenn wir etwas so Grundlegendes aufgeben müssen wie die Liebe, unsere Gesundheit oder einen Lebenstraum. Solche Dinge, die unser ganzes Leben ausmachen, können wir nur vergessen, indem wir das Leben selbst aufgeben. Wir sterben, um weiterleben zu können, ein neues Leben, in dem wir das, was lebenswichtig schien, hinter uns lassen. Bisweilen mag das neue Leben besser sein als jenes, was wir aufgegeben haben, doch es bleibt dabei: Der Preis für das Vergessen ist das Sterben, der Tod all dessen, was wir waren.

Und so fasst Joseph Brodsky in einem Liebesgedicht eine der traurigsten Wahrheiten zusammen, die es im Leben gibt. Das Weiterleben nach einem schweren Verlust ist möglich, die meisten Menschen können es, weil sie vergessen können. Doch der Preis dafür ist der Tod. Nicht, weil es die Zeit ist, die alle Wunden heilt, und wir durch Zeitablauf dem Tod näherkommen, sondern weil diejenige, die wir waren, untergehen muss, damit wir vergessen können. Sterben, um ein neuer Mensch zu werden.

Das ist schrecklich und schön zugleich.

 

 

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