Großmutter Heimatlos

Sie trat noch einmal ans Wohnzimmerfenster und hielt nach dem Enkel Ausschau, nach dem Prachtjungen, der nun doch ganz umsonst kein Mädchen geworden war, denn es gab keinen Hof mehr zu erben. Jeder von ihnen, von den Preußen-Gewesenen, der nun neu heranwuchs, musste jetzt etwas Neues schaffen, sozusagen aus dem Nichts, aus sich selbst heraus. Vielleicht hatte das am Ende doch etwas für sich, nach all dem, was gewesen war. Den Kindern fiel das letztlich leicht. Anders als die Alten waren sie ohne Gepäck angereist.

Hedwig musste daran denken, wie der Junge ihr in der Waschküche des Malermeisters eines Morgens eins mit der Fliegenklatsche übergezogen hatte. Er hatte im Eifer des Gefechts vergessen, dass seine Oma mit ihm im gleichen Bett schlief, oder vielleicht hatte er auch einfach nur nach einer besonders schwungvollen Art gesucht, um sie zu wecken. Sie war ein Langschläfer gewesen.

Leib und Leben hatten sie ihr gelassen, sicher. Doch wenn sie auf den regennassen Asphalt draußen blickte, auf dieses Gefängnis aus einförmigen Mietskasernen, wenn sie an ihren eingefallenen Fritz dachte und daran, wie sang- und klanglos er davongeblichen war, geradezu würdelos, nach einem Leben voller Trara, wenn sie an all die Freunde dachte, die sie holen gekommen waren, die Nazis, oder die auf der Flucht verloren gegangen waren, wenn sie an die Felder und Seen dachte, die niemand von ihnen je wiedersehen würde, an das Motorrad und an die Weichsel, dann konnte sie nicht anders: Sie fühlte sich, als wären sie auch zu ihr gekommen und hätten sie geholt. Nicht nur, um sie zu verjagen, um sie zu vernichten

Hilde hatte so recht gehabt. Es war leichtsinnig gewesen, all diese Rüpel ihre Politik und ihre Straßenkämpfe machen zu lassen, die Kommunisten, die Sozialdemokraten, die Nazis, die Deutschnationalen und wie sie nicht alle hießen, sie wüten zu lassen, und nicht weiter nachzufragen, weder danach, wer sie waren, noch was sie wollten. Es war töricht gewesen, das Elend auszublenden, das sich um sie herum breit gemacht hatte, und weiter ihre Enten zu fressen. Auch dass Fritz im Krieg später die Abgaben für die anderen Dorfbewohner übernommen hatte, konnte daran nichts ändern. Es war dumm gewesen, die aalglatten Danziger einfach nur zu verlachen und sich nicht darum zu kümmern, dass sie auf einmal in Scharen den Nazis in die Arme gelaufen waren, um Landgerichtsdirektor werden zu können, Stadtkämmerer, beamteter Lehrer oder Oberarzt im städtischen Krankenhaus. Feine und ehrbare Bürger der Freien Stadt, die sie alle hatten sein wollen. Selbst als Lenchen sich so einen als Mann ausgesucht hatte, hatten sie darüber hinweg gesehen. Ach, ein Großstadtgockel, ja, ja, aber er war ja eine gute Partie, angesehene Kaufmannsfamilie, Immobilienbesitz, Hauptsache Lenchen ging es gut.

Zucker hatte er geheißen, es lagen gerade so viele Generationen zwischen ihm und der Konversion seiner Vorfahren zum Christentum, dass es durchgegangen war bei den Nazis. Und doch konnte er gar nicht schnell genug die angesehene Kanzlei Sternberg verlassen, als die Nazis so stark geworden waren, dass man absehen konnte, dabei würde es bleiben. Auch darüber hatten Fritz und Hedwig hinweggesehen. Das ganze Durcheinander mit Polen, Volksdeutschen, Juden und Deutschen, das war ihnen lächerlich erschienen. Auch als er sich schließlich den Nazis angeschlossen hatte, der Schwiegersohn, auch da hatten sie geschwiegen. Mit der Zeit war es ihm gelungen, eine glänzende Karriere bei Gericht aufzubauen, und das konnte doch nur vorteilhaft sein, für ihr Lenchen. Mit welchem Teufel er dafür einen Pakt hatte schließen müssen, darüber hatte man vornehm geschwiegen. Und heute schwieg man über so etwas sowieso. Aber wer war sie, Hedwig, darüber ein Urteil zu fällen? Was hatte sie schon anderes getan, als immer nur mit zu schweigen? Leben und Motorradfahren, ganz gleich, was um sie herum geschah.

Spätestens als Arthur Behrendt , der schwachsinnige Landarbeiter vom Lohmannschen Hof, auf einmal Dorfbürgermeister geworden war und alle herumkommandierte hatte, als wenn er Oberstabsfeldwebel wäre, spätestens da hätten sie wissen müssen, dass es ein Fehler gewesen war, das Schweigen. „Ach, Hedwig, die gehen wieder wie sie gekommen sind“, hatte Fritz gesagt. „Das kann nicht von Dauer sein, das sieht man doch sofort. Solche Leute halten sich nicht an der Macht. Sieh ihn dir an, was für ein Hanswurst er ist, wie lächerlich er aussieht, wenn er schreit, mit seiner Fistelstimme. Das ist doch keine Autorität.“ Als der Krieg dann ausgebrochen, hatten sie vollends aufgehört, Fragen zu stellen. Und dabei war es geblieben, bis heute.

Deswegen mied Hedwig die Feste mit den anderen Geflohenen, wenn sie ihren selbst gebrannten Schnaps tranken und am Ende unweigerlich einer anfing zu jammern. „Was meinst du Hans, werden wir die Heimat noch einmal wiedersehen? Hedwig, was meinst du? Sehen wir sie noch einmal wieder?“ Hedwig schüttelte nur den Kopf, wenn sie das fragten. Dann ging sie nachhause.

Ja, sie hatten viel verloren, fast alles. Die Heimat, aber nicht nur das. All die Freunde, und die Unschuld. Weil sie solange geschwiegen hatten, solange untätig zugesehen hatten, bis ihnen nichts anderes mehr übrig geblieben war, als weiter zu schweigen. Sie hatten gesündigt und waren vertrieben worden, aus ihrem Paradies.

Sicher, der Hilde war es nicht gut bekommen, dass sie versucht hatte, die Politik in die eigene Hand zu nehmen. Aber wäre sie noch da, sie könnte ihren Kopf weit oben tragen. Sie hatte es kommen sehen, sie hatte es erkannt, und sie hatte getan, was sie tun konnte, um ihre Ehre zu retten, ihre Freiheit nicht aufzugeben. Mit dem Leben hatte sie es bezahlt, doch sie war sich treu geblieben. Hedwig und all die anderen, hingegen, die gemeint hatten, Freiheit könnte man sich bewahren, wenn man die Augen fest schloss, wenn man ausreichend mitmachte, um gut dazustehen, welches Recht hatten die zu klagen?

Welches Recht haben wir, murmelte Hedwig. Sie schrak auf, als sie plötzlich merkte, dass sie die Frage laut gestellt hatte.

Apfelgeruch stieg Hedwig in die Nase. Es war der Duft, der ihr sagte, dass der Kuchen fertig war. Sie strich noch einmal den Rock glatt und ging in ihre kleine Küche. Sie stellte den Ofen aus, nahm zwei gehäkelte Topflappen in die Hand und holte den Kuchen heraus.

Es klingelte an der Tür. Der Junge war da, mit seinem Freund. Als sei der Duft des Apfelkuchens durch das ganze Mietskasernenviertel gezogen, bis zu den beiden. Als er hätte er sie angelockt.

Ja, sie war nicht mehr als eine heimatlose Oma. Die Jugend, dahin, die Heimat, verwirkt, die Freiheit verloren, die Liebe und ihr stattlicher Galan, einfach dahingewelkt. Aber sie hatte überlebt. Und sie hatte ein Fernsehgerät. Dafür kam man sie sogar ab und an besuchen, aß ihren Apfelkuchen.

Was half' s? Wenigstens was ihr geblieben war, wollte sie weiter genießen. Das hatte sie immer so gemacht, sie wusste es nicht besser.

In der Diele warf Hedwig einen letzten prüfenden Blick auf ihre Hochsteckfrisur im Spiegel. Dann öffnete sie ihrem Enkel und seinem Freund die Tür.

 

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